Familie Eis: Carole Fels und Margaret Eis Aghion

 

Der schwere Weg von Frankfurt über Shanghai in die USA

 

Von Gaby Thielmann

2013 folgten Carole Fels und ihre Cousine Margie Eis Aghion der Einladung der Stadt nach Frankfurt, um die Ursprünge ihrer Familie kennenzulernen. Sie wussten, dass die Großeltern mit zwei Söhnen, Max und Moritz, sowie der Tochter Martha in Frankfurt vom Antiquitätenhandel gelebt hatten. Moritz Eis, der die Einschränkungen verabscheute, die die Familie als Juden in den dreißiger Jahren erfahren musste, stellte 1936 einen Antrag auf ein Visum für die USA – man sagte ihm aber, dass er auf Grund einer strengen Quotierung der Einwanderungen mit einer Wartezeit von vier Jahren rechnen müsste.

Die Demütigungen, die er, sein Bruder Max und der Vater nach dem 9. November 1938 in den Konzentrationslagern Buchenwald und Dachau erlitten, zwangen Moritz jedoch dazu, nicht mehr zu warten und schon 1938 das Land mit Ziel Shanghai zu verlassen. Auch der restlichen Familie gelang die Flucht nach China.

 

2013 kamen Carole Eis Fels und ihre Cousine Margaret Eis Aghion, die Töchter von Max Eis und seinem Bruder Moritz Eis, nach Frankfurt. Bereits im Jahr 2012 war Andrea Jacobs, die ältere Schwester von Carole, der Einladung der Stadt Frankfurt gefolgt. Einiges war über die Familie daher schon bekannt: Der Großvater Leopold kam aus Bingen, die Familie hatte während der Nazizeit in Frankfurt gelebt, Moritz war es gelungen, nach Shanghai zu fliehen. Ihm waren seine Eltern, die Schwester Martha und der Bruder Max mit Frau und Sohn gefolgt.

Nachdem beide Cousinen sehr engagiert vor Schülern der Ziehenschule vom Schicksal ihrer Familien berichtet haben, kann der Bericht über den Besuch ihrer Schwester und Cousine von 2012 durch zusätzliche Details ergänzen.

 

Besuch in Bingen

Gemeinsam fuhren wir nach Bingen, um zu sehen, wo der Großvater Leopold seine Jugend verbracht hatte. Eine Mitarbeiterin des Arbeitskreises Jüdisches Bingen, Frau Beate Götz, hat mit uns sehr ausführlich den Kern des jüdischen Bingen mit seinen vormals

drei Synagogen erwandert. Die Bürger der Stadt Bingen sind sehr daran interessiert, das jüdische Erbe zu wahren. Immerhin waren vor 1940 fast fünf Prozent der Einwohner Bingens jüdischen Glaubens.
Die größte und jüngste Synagoge ist in großen Teilen erhalten geblieben, aber nur das Modell zeigt ihre einstige Pracht. Heute werden einige Räume dem Arbeitskreis Jüdisches Bingen überlassen, andere werden von der Feuerwehr genutzt.

Nach langem Berganstieg kamen wir zum jüdischen Friedhof hoch über dem Rheintal. Carole und Margie waren von der großen Anlage, die die Bedeutung der jüdischen Gemeinde in Bingen widerspiegelt, beeindruckt und fanden zahlreiche Gräber von Mitgliedern der verzweigten Eis-Familie.

 

Erschütterung der Existenz in Dachau und Buchenwald

Moritz hatte bereits 1936 ein Visum für die USA beantragt, doch musste er sich auf eine lange Wartezeit einstellen, da die USA in den dreißiger Jahren, die von wirtschaftlicher Depression und Massenarbeitslosigkeit geprägt waren, die Einwanderungen auf eine bestimmte Quote beschränkt ließen, die 1924 festgelegt worden war. Eine Beschleunigung dieses Prozesses war nur möglich, wenn der Unterhalt des Einwanderers in den USA gesichert war – so konnte durch eine Bürgschaftserklärung (affidavit of support) Verfolgten eine Einreise in die USA ermöglicht werden. Um eine solche Bürgschaft bat Moritz Verwandte in Detroit (USA), doch da diese nicht die notwendigen finanziellen Mittel hatten und weitere Verwandte um Hilfe bitten mussten, konnten sie ihm diese Bürgschaft nicht zusenden. Nichtsdestoweniger kaufte Moritz in der Zwischenzeit bei der American-Hapag Linie schon eine Schiffspassage in die USA, das Reisedatum ließ er allerdings offen.

Nach dem Novemberpogrom 1938 wurden Carols Vater Max und ihr Großvater Leopold für einige Wochen in das Konzentrationslager (KZ) Buchenwald verschleppt, Moritz kam in das KZ Dachau . Der Aufenthalt dort war hart und demütigend. Moritz schreibt in seinen Memoiren, dass ihm schon in Frankfurt die Haare abrasiert worden waren. In Dachau erhielten die Häftlinge nur dünne Suppe und ein Stück Brot am Tag. Die Häftlinge durften nur Hemd und Hose tragen. So schlecht bekleidet und versorgt mussten sie in Dachau – in Buchenwald war es ähnlich – ab 4 Uhr morgens stundenlang auf dem Versammlungsplatz stehen, bis alle 25 000 Häftlinge gezählt waren.

Zu Hause in Frankfurt ließ Margies und Carols Großmutter Leah keinen Versuch aus, um ihren Mann und ihre Söhne aus der Haft frei zu bekommen. Sie wurde immer wieder bei der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) vorstellig und zeigte dort auch die Fahrkarte für die Schiffspassage in die USA, um zu beweisen, dass Moritz vor hatte, Deutschland zu verlassen. Hartnäckig wie sie war, lockte sie die Nazis mit lukrativen Angeboten aus dem Antiquitätengeschäft der Familie: „Ihr könnt alles haben!“ Schließlich kamen die Männer frei. Moritz wurden nur 10 Tage zugestanden, um auszureisen.

 

China statt USA

Doch Moritz hatte zwar eine Fahrkarte, um in die USA zu reisen, aber kein Visum für die Vereinigten Staaten. Dennoch zog er los, um einen Ausreisepass zu erhalten – und in einem Gespräch mit einer zufälligen Begegnung in der Warteschlange wurde ihm eine Lösung für sein Problem vorgeschlagen. Er erfuhr, dass Shanghai keine Visa für eine Einreise verlangte. In seiner Not beschloss er, seinen Traum, in die USA zu reisen, aufzuschieben, und zunächst nach Shanghai zu fliehen. Es gelang ihm, seine Schiffspassage in die USA, die ohne Visum nutzlos war, gegen eine Fahrkarte der Linie Lloyd-Trentino nach Shanghai umzutauschen, und er verließ Europa mit einem Schiff von Genua aus in Richtung China.

Kaum in Shanghai angekommen schickte er seinen Verwandten in Detroit ein Telegramm, in dem er sie darum bat, ihm die Bürgschaftserklärung, sobald sie das Geld beisammen hatten, nach Shanghai zu senden. Ein weiteres Telegramm ging an seine Eltern und seine Geschwister, in dem er sie beschwor, ihm so bald wie möglich nachzukommen.

In Shanghai gab es bereits zwei jüdische Gemeinden: die Baghdadi-Juden, sephardische Juden irakischer Herkunft, die seit dem 19. Jahrhundert in Shanghai lebten, sowie eine Gemeinde russischer Juden, die nach der Oktoberrevolution aus Russland geflohen waren. Mit ihrer Unterstützung fand Moritz bald Arbeit in Shanghai.

Zwanzig- bis dreißigtausend Juden flohen vor dem Holocaust nach Shanghai. Die Stadt war nicht auf ihre Ankunft vorbereitet. Die jüdische Gemeinde errichtete Heime, die Tausenden ein notdürftiges Zuhause boten. Die Mehrheit der Flüchtlinge war gezwungen, sich in Hongkew niederzulassen, einem Stadtviertel, das im japanisch-chinesischen Krieg 1937 erheblich zerstört worden war. Hier lebte nun auch die Familie Eis, die Moritz Aufruf zur Flucht nach China gefolgt war.

 

Max Eis: „Don´t ever ask me!”

Als Carole ihren Vater Max später nach der schwierigen Zeit in Deutschland, den acht Jahren der Armut in Shanghai und dem Neubeginn in den USA fragte, sagte er nur kurz: „Don’t ever ask me!“ Frag mich nie danach! Seine Maxime war: „Ich muss arbeiten, Geld verdienen, überleben, wir müssen zusammenbleiben!“ Zurück in die Vergangenheit wollte er nicht schauen. Es gelang ihm und seiner Familie, ein erfolgreiches Leben in den USA aufzubauen, Kindern und Enkel eine neue Heimat zu schaffen – erst dann war er bereit, Deutschland wieder zu besuchen.

 

Moritz Eis

Margie, die Tochter von Max’ Bruder Moritz Eis, ist besser über die Geschichte ihrer Familie informiert als ihre Cousinen Andrea und Carol, die Töchter von Max. Denn in den neunziger Jahren wurden Moritz und dessen Frau Edith, ihre Eltern, von Stephen Spielberg gefragt, ob sie ihre Lebensgeschichte im Rahmen des Shoah-Projektes erzählen wollten. Dies war für Moritz der Anlass, seine Memoiren zu schreiben und mit seiner Familie über seine Erfahrungen zu sprechen.

Moritz konnte seine Erinnerungen mit seiner Frau Edith teilen, die wie er dem Holocaust entkommen war. Edith stammt aus einer jüdischen Familie namens Günzburger, die in Memmingen im Allgäu lebte. Ihre Eltern wollten trotz der Bedrohung durch das Naziregime die Heimat und ihren Besitz nicht verlassen. Einem Bruder gelang jedoch die Flucht nach Palästina; Edith selber wurde nach Schweden geschickt, wo sie ihre Großmutter traf, die schon in New York lebte. Mit ihr reiste sie durch Sibirien nach Wladiwostok, von dort nach Japan, wo sie ein Schiff erreichte, das beide in die USA brachte.

Auf diesem Schiff traf Edith ihren späteren Mann Moritz, der im September 1940 endlich seine Bürgschaftserklärung und das Visum für die USA erhalten hatte und nun aus Shanghai mit dem Schiff über den Pazifik in die USA weiterreisen konnte. In den USA trennten sich ihre Wege allerdings zunächst wieder – Moritz ließ sich Detroit nieder, Edith blieb bei Verwandten in Chicago.

 

Als amerikanischer Soldat in Europa

Moritz Ziel war, seine Familie so schnell wie möglich in die USA nachzuholen. Fünf Monate nach seine Ankunft in den USA beschloss er, um möglichst bald die amerikanische Staatsbürgerschaft zu bekommen, sich als Freiwilliger für die amerikanische Armee zu melden und wurde zum Sanitäter ausgebildet. Doch noch bevor er seine Familie nachholen konnte, traten die USA nach dem Überfall auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 in den Krieg ein – damit sollte auch seine Einheit eingesetzt werden. Ende 1942, kurz vor seiner Verlegung nach Großbritannien, erhielt Moritz in einem Eilverfahren die amerikanische Staatsbürgerschaft.

Moritz kam 1942 nach Großbritannien. Er erlebte die Bombardierung Londons in der ersten Hälfte des Jahres 1944, nahm an der Invasion am 6. Juni 1944 bei Omaha Beach in der Normandie und am „Battle of the Bulge“ (englische Bezeichnung der deutschen Ardennenoffensive) teil. Das Ende des Krieges erlebte er in Pilsen (Tschechien).

Er selbst empfand den Krieg als Albtraum. Er musste als Sanitäter immer mit in der vordersten Linie der Kämpfe sein, war aber nicht bewaffnet und konnte sich nicht verteidigen. Einige seiner Kameraden, so erlebte er es, begriffen nicht, dass er zwar deutscher Herkunft, aber als Jude nur mit Mühe den Deutschen entkommen war, und begegneten ihm zum Teil mit Misstrauen. Nach Kriegsende wurde er gefragt, ob er als Freiwilliger im Kriegsverbrecher-Prozess in Nürnberg dolmetschen wollte. Aber er lehnte ab, er wollte endlich seine Familie aus Shanghai in die USA holen. So fuhr er von Le Havre zurück nach Boston.

 

Nach dem Krieg – die Familie ist wieder vereint

Nachdem er 4 Jahre und 9 Monate in der amerikanischen Armee gedient hatte, wurde Moritz nun ehrenhaft entlassen und erhielt eine Reihe von Auszeichnungen für seine Verdienste. Er kehrte nach Detroit zurück und wandte sich dort an die Einwanderungsbehörde, um Visa für seine Eltern, seine Schwester und seinen Bruder mit Frau und Kind zu erhalten. Er hatte mittlerweile 6.000 Dollar angespart – doch man erklärte ihm, dies sei zu wenig, um für sechs Personen zu bürgen. Daraufhin verwies Moritz auf seine Entlassungspapiere und seine Auszeichnungen – aufgrund seiner Verdienste im 2. Weltkrieg konnte er schließlich auch ohne kostspielige Affidavite (Bürgschaftserklärungen) Einwanderungsvisa für seine Familie erhalten und sie aus Shanghai in die USA nachkommen lassen.

Er traf auch Edith wieder und heiratete sie. Ihre Familie hatte ein hartes Schicksal getroffen. Beide Eltern waren ermordet worden. Ein Onkel, der mit einer Katholikin verheiratet war, konnte zwar für einige Zeit von Nachbarn versteckt werden, wurde aber denunziert und ins Konzentrationslager verschleppt. Völlig abgemagert fanden er und seine Frau in ihre Heimat in Memmingen zurück und setzten dort die Textilproduktion der Familie Günzburger fort.

Dorthin, in Ediths Heimat, sind Moritz und Edith immer wieder gefahren – Margie. Moritz reiste nach Deutschland ohne Zorn auf die Deutschen, denn er hatte erreicht, wovon er schon als Zehnjähriger geträumt hatte: Er lebte in den USA und besaß die amerikanische Staatsbürgerschaft.

 

Der Besuch der Töchter

Mit dieser Haltung, ohne Zorn und Vorurteile, sind auch Carole und Margie nach Frankfurt gekommen. Sie wollten den Schülern von den Erfahrungen ihrer Familie berichten. Sie sind überrascht, wie sehr sich die Stadt ihrer Geschichte stellt und wie umfangreich das Thema Holocaust in der Schule behandelt wird. Die Besucher machen deutlich, dass es in den USA kein Problem darstellt, Jude zu sein, etwa 3 Prozent der amerikanischen Bevölkerung sind heute jüdisch. Carole und Margie fühlen sich mit ihren Familien sicher in den USA und sind glücklich über ihr Leben dort, das sich ihre Familien so hart erkämpfen mussten.

 

KURZBIOGRAPHIE

 

Carol Fels, geb. Eis, lebt in Kalifornien
Vater: Max Eis, geb. 1911 in Frankfurt
Schwester: Andrea Jacobs, geb. Eis, Teilnahme am Besuchsprogramm 2012

Margaret (Margie) Eis Aghion, geb. Eis, lebt in New York
Vater: Moritz Eis, geb. 1914 in Frankfurt
Mutter: Edith Günzburger, geb. 1921 in München

Großeltern:
Leopold Eis, geb. 1873 in Bingen
Leah Liebersohn, geb. 1890 in Odessa

Teilnahme am Besuchsprogramm: 2013

Wohnort in Frankfurt: Familie Eis wohnte im Ostend in Frankfurt

Verfolgung: Nach dem 9. November 1938 wurden Leopold und Max Eis nach Buchenwald und
Moritz nach Dachau verschleppt.

Emigration: Nach ihrer Freilassung emigrierte die Familie nach Shanghai und später in die USA. Dort wurden Carol und Margie nach dem Krieg geboren.


Quellen:

  • Beate Götz, Arbeitskreis Jüdisches Bingen, mündliche Mitteilungen.
  • Moritz (Maurice) Eis, My Memoir 1914 – 2004, unveröffentlichtes Manuskript.
  • Carol Fels und Margie Eis Aghion, mündliche Mitteilungen

Fotos: Gaby Thielmann und Robert Heckert

Text: Gaby Thielmann