KURZBIOGRAPHIE

Lee Edwards, geb. Lina Liese (Liesel) Carlebach

geb. 1923 in Frankfurt
Teilnahme am Besuchsprogramm 1998

Besuchte Schule:
Samson-Raphael-Hirsch-Schule

Wohnadressen:
Obermainanlage 21
Gaußstraße 16

Emigration:
März 1939 mit dem Kindertransport nach England
Rückkehr nach Deutschland als Zivilangestellte der US-Armee
ab 1949 Kanada, seit 1952 USA

Bruder:
Emil Carlebach, 1914 – 2001

  • Besuchte Schulen: Samson-Raphael-Hirsch-Schule, Klingerschule
  • Im Widerstand gegen das NS-Regime
  • 1934 Verhaftung und Verurteilung: Gefängnis in Hameln, 1937 Dachau, 1938-1945 Buchenwald
  • Rückkehr nach Frankfurt, Mitbegründer der Frankfurter Rundschau, Mitglied der KPD

Vater:
Moritz Carlebach

  • geb. 1878 in Stuttgart
  • Mitinhaber der Firma „Gebrüder Carlebach“ in der Hans-Handwerkstraße
  • Verhaftung im November 1938, KZ-Haft in Buchenwald bis 9. Dezember 1938
  • Tod als Folge der Haft am 29.3.1939

Mutter:
Sophie (Sofie) Carlebach, geborene Runkel

  • geb. 1887 in Neidenstein/Kraichgau
  • Deportation nach Izbica am 8.5.1942
  • Todesdatum unbekannt


Quellen:

  • Hessisches Hauptstaatsarchiv
  • Berta Leverton u.a.: I came alone, 1990, S. 79 f
  • Private Dokumente der Familie Carlebach/Edwards sowie von Dorothy Baer
  • Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt (PJLF): Aufzeichnung eines Gespräches mit Lee Edwards in der Ernst-Reuter-Schule Frankfurt am 8.6.1998
  • Angelika Rieber: Am Schützenbrunnen 13, in: Ostend. Blick in ein jüdisches Viertel, Frankfurt 2000, S. 188-202.

Fotos:
Familie Carlebach/Edwards, Dorothy Baer, Angelika Rieber

Abbildungen:
Ruth Awner, Hessisches Hauptstaatsarchiv

Recherchen:
Lena Carlebach, Angelika Rieber

Text:
Angelika Rieber

Lee Edwards, geborene Lina Liese (Liesel) Carlebach

Die Halskette

Von Angelika Rieber

„Sie hat neun Perlen und 26 Diamanten“. Lee (Liesel) Edwards nimmt diese Kette immer wieder in die Hand. Das Schmuckstück bringt ihr viele Erinnerungen zurück, traurige, bitter-süße und freudige.

Liesel Carlebach wurde 1923 in Frankfurt geboren. Nach dem Novemberpogrom 1938 konnte sie mit einem Kindertransport aus Deutschland fliehen. Der Vater starb kurze Zeit später an den Folgen der KZ-Haft in Buchenwald. Die Mutter wurde im Mai 1942 nach Izbica deportiert und ermordet. Liesels Bruder Emil Carlebach überlebte das KZ Buchenwald und kehrte nach Frankfurt zurück. Heute lebt die frühere Frankfurterin in den USA.

Liesel Carlebach wurde am 13. Dezember 1923 in Frankfurt geboren. Zunächst lebte die Familie in der Obermainanlage 21, später in der Gaußstraße 16. Liesel erinnert sich an eine schöne Kindheit. Wie ihr neun Jahre älterer Bruder Emil besuchte sie die Samson-Raphael-Hirsch-Schule am Zoo.

Der Vater, Moritz Carlebach, stammte ursprünglich aus Stuttgart. Er war zusammen mit seinem Bruder Emanuel Mitgesellschafter der Firma „Gebrüder Carlebach“, die sich in der Hans-Handwerkstraße 63, heute Lange Straße, befand. Seine Frau Sophie Carlebach, geborene Runkel, stammte aus Neidenstein im Kraichgau/Württemberg.

„Bei den nächsten Wahlen wird alles anders“

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten veränderte sich das Leben der Familie auf sehr unterschiedliche Weise. Der Vater fühlte sich in Deutschland zu Hause. Er hatte als Soldat im Ersten Weltkrieg gekämpft und war mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden. Er fühlte sich als deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Moritz Carlebach konnte sich nicht vorstellen, dass ihm etwas passieren könnte. Bei den nächsten Wahlen wird alles anders, dachte er.

Anders sein Sohn Emil. Eigentlich hatte sich der Vater gewünscht, dass Emil sein Nachfolger im Familienunternehmen werden würde, doch seit Ende der 20er Jahre wurde sein Sohn in der sozialistischen Jugendbewegung aktiv. Darüber hatte es immer wieder Streit gegeben. Emil Carlebach betätigte sich auch nach dem Beginn der Naziherrschaft im politischen Widerstand, bis er im Januar 1934 verhaftet und zu einer Zuchthausstrafe verurteilt wurde. 1937 wurde er nicht freigelassen, sondern weiter in Dachau interniert, ab 1938 im Konzentrationslager Buchenwald. Dort konnte Emil Carlebach nach elf Jahren Haft im April 1945 die Befreiung erleben.

In Buchenwald kam es im November 1938 zu einem denkwürdigen Zusammentreffen von Vater und Sohn. Moritz Carlebach wurde im Zuge des Novemberpogroms verhaftet und zusammen mit etwa 2 600 Frankfurter Juden nach Buchenwald verschleppt. „Was glaubst du, wieviel die Mutter schon um dich geweint hat“, hielt Moritz Carlebach seinem Sohn dort vor, ein Vorwurf, der Emil zutiefst getroffen hat, wie er seiner Tochter und der Enkelin später erzählte. Nach vier Wochen Lagerhaft wurde Moritz Carlebach am 9. Dezember 1938 wieder entlassen, seelisch und körperlich erschüttert. Sein Sohn Emil hatte dem Vater noch dringend ans Herz gelegt, Liesel ins Ausland zu schicken.

„…und verlässt am 20. Dezember 1938 die Anstalt um auszuwandern“

Liesel hatte die Veränderungen nach 1933 zunächst kaum gespürt. Sie war auf einer jüdischen Schule, hatte jüdische Freundinnen. Allmählich spürte sie jedoch die zunehmenden Einschränkungen, beispielsweise durfte sie nur noch das jüdische Schwimmbad in Niederrad besuchen.

Das Novemberpogrom wurde zu einem einschneidendes Erlebnis für die Familie. Nazitrupps zerschlugen die Wohnungseinrichtung und verhafteten den Vater. Liesel konnte seit dem Novemberpogrom nicht mehr die Schule besuchen. Die Samson-Raphael-Hirsch-Schule war geschlossen, die Mehrzahl der Lehrer in KZ-Haft oder geflüchtet. Die Eltern entschlossen sich, die Tochter für einen Kindertransport nach England anzumelden.

Am 20. Dezember 1938 erhielt die 15jährige ein Abgangszeugnis mit dem Hinweis, sie „verlässt die Schule im Dezember 1938 um auszuwandern“. Im März 1939 war es soweit. Liesel Carlebach erhielt die Möglichkeit, mit einem durch das englische Bloomsbury-Komitee organisierten Kindertransport nach England zu fliehen. (Das Bloomsbury-Komitee koordinierte die Unterstützung für Einwanderer in England.)

Lee Edwards erinnert sich noch daran, wie der Vater ihr aus dem Fenster der Wohnung nachwinkte. Sie hat den dunkeln, grauen Hauptbahnhof noch vor Augen, erinnert sich daran, dass den Kindern Nummernschilder umgehängt wurden und keine Namen, und insbesondere an den tränenreichen Abschied von ihrer Mutter, die sich immer wieder mit einem Taschentuch die Tränen aus den Augen wischte. Nachdem die Polizei den Koffer durchsucht hatte, half Liesel der Mutter noch, die Wolldecke, die oben auf lag, glatt zu streichen und den Koffer zu schließen.

In Harwich öffneten die Zöllner den Koffer und entdeckten unter der Decke eine Halskette, eingewickelt in ein kleines, zerknülltes Taschentuch. Glücklicherweise war dies vorher nicht entdeckt worden. Die Mutter hatte wohl den Schmuck beim Schließen des Koffers unbemerkt hineingelegt. Alle starrten auf das Schmuckstück, ohne zu ahnen, welche Bedeutung es als Erinnerung an die Mutter erhalten würde. In diesem Moment war der 15jährigen nicht bewusst, dass sie und die Mehrzahl der anderen Kinder Eltern nie wieder sehen würden.

„Sofie C. hat uns verlassen“

Wenige Tage nach ihrer Abreise starb der Vater an den Folgen der Lagerhaft. Moritz Carlebach wurde auf dem jüdischen Friedhof in der Eckenheimer Landstraße beerdigt. Liesel erfuhr erst nach dem Krieg von dem tragischen Tod des Vaters. Sophie Carlebach lebte seit dem Tod ihres Mannes alleine in Frankfurt. Der Sohn war im Konzentrationslager, die Tochter alleine in England.

Verzweifelt versuchte Sophie Carlebach die Freilassung ihres Sohnes Emil zu erreichen. Sie bereitete alle erforderlichen Schritte zur sofortigen Auswanderung des Sohnes nach Shanghai vor. Schiffspassagen waren bestellt, der Antrag auf Mitnahme von Umzugsgut vorbereitet, die „Unbedenklichkeitsbescheinigungen“, mit denen die Zahlung der Reichsfluchtsteuer und anderen Steuern bestätigt wurden, eingereicht. Ihre Bemühungen hatten keinen jedoch Erfolg.

Zu ihrer Tochter Liesel waren nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs kaum noch direkte Verbindungen möglich. Kurz vor ihrer Deportation konnte Sophie Carlebach noch eine Mitteilung an Liesel über das Rote Kreuz senden, die am 18. Mai 1942 verschickt wurde: „Wandere aus, hoffe weiter schreiben zu können. Vollkommen gesund und ruhig. Bleibe es auch, sei zuversichtlich… Inniger Kuss Mutter“

Das Haus in der Gaußstraße, in dem Sophie Carlebach lebte, wurde zu einem so genannten Judenhaus, in das jüdische Menschen zwangseingewiesen wurden. Sophie Carlebach wurde von dort im Mai 1942 nach Izbica verschleppt. Ihr Todesdatum ist nicht bekannt.

Am Abend vor der Deportation wurde sie von einer Verwandten, von Thekla Griesheimer, besucht. Drei Tage später schrieb Thekla einen Brief an ihre Schwägerin in der Schweiz. „Sofie C. hat uns verlassen, ebenso Cilli B. Ich war in der letzten Nacht noch bei Sofie, die aber gefasst war. Ich kann und will dir keine Schilderung von all dem Leid, den Tränen und dem Schmerz geben, sondern dir nur sagen, dass wir noch soweit wohlauf sind, sofern uns die Aufregungen nicht zerrütten.“ (Rieber 2000, 198)

Drei Wochen später wurden auch Thekla und Harry Griesheimer nach Izbica deportiert und ermordet.

Als Kindermädchen in Coventry

Liesel Carlebach wurde von einem jungen jüdischen Ehepaar in Coventry aufgenommen, das zwar mittellos war, aber zur Rettung jüdischer Kinder beitragen wollte. Bei dieser Familie arbeitete Liesel als Kindermädchen und erlebte den deutschen Bombenangriff auf Coventry. Eigentlich hatte Liesel weiter die Schule besuchen wollen. So konnte der Teenager die Fürsorge der Familie für ihr Überleben damals nicht so schätzen wie heute im Rückblick. Als diese Familie aufs Land zog, blieb Liesel in Coventry, um sich weiterzubilden. Sie erhielt Unterricht in Kurzschrift, als Gegenleistung half sie der Lehrerin im Haushalt. Außerdem lernte Liesel Französisch und verdiente ihren Lebensunterhalt als Sekretärin.

Rückkehr nach Deutschland mit der US-Army

Nach Kriegsende suchten die Alliierten deutschsprachige, politisch unbelastete Emigranten, die den demokratischen Wiederaufbau Deutschlands unterstützen sollten. So arbeitete Liesel Carlebach in den ersten Nachkriegsjahren als Zivilangestellte für die US-Army beim „Office of Military Government USA in Esslingen bei Stuttgart. Hier lernte sie Arnold James Edwards, früher Arnold J. Eckhaus, der ebenfalls ursprünglich aus Deutschland kam, kennen.

Beide erhofften sich, mit dieser Tätigkeit für die amerikanischen Besatzungstruppen leichter in die USA einwandern zu können. Um ihren Bruder Emil wiederzusehen, wechselte Liesel nach Frankfurt. Erst dort habe sie ihren Bruder richtig kennen gelernt, da er ins Gefängnis gekommen war, als sie gerade erst neun Jahre alt war.

Dort, wo sie geboren war und wo ihr Bruder Emil wieder lebte, heirateten Arnold und Liesel 1947: in Frankfurt.„Es war dasselbe Standesamt, das einst meine Geburt registriert hatte“, merkt Lee, wie sich Liesel nun nannte, an. Gerne hätte sie bei ihrer Hochzeit die Halskette, die ihr die Mutter mitgegeben hatte, getragen, aber diese lag sicher in einem Safe in England.

Während der Zeit in Frankfurt traf sich Lee Edwards auch mit ihrem früheren Kindermädchen, das ihr einen großen Überseekoffer überbrachte. Darin befanden sich Wäsche und Silber – Kostbarkeiten, die die Mutter der früheren Angestellten vor ihrer Deportation anvertraut hatte. Diese hatte die Gegenstände aufbewahrt, um sie der Familie zurückzugeben, ohne zu wissen, ob je ein Mitglied der Carlebachs zurückkommen würde. Mit großem Respekt sprach Lee Edward von der Aufrichtigkeit dieser Frau. Ebenso wie ihr Bruder sie bewahrte den Inhalt des Koffers als Andenken an ihre Eltern.

Emil Carlebach gehörte nach seiner Befreiung aus Buchenwald zu den Mitbegründern und Mitherausgebern der Frankfurter Rundschau, bis zu seiner Amtsenthebung durch die US-Militärbehörden zwei Jahre später, denn 1946 war er Landtagsabgeordneter der KPD geworden. Der Kalte Krieg hatte begonnen, und Emil Carlebach war als Kommunist erneut Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt.

Bald nach der Rückkehr von Lee und Arnold Edwards nach England entschloss sich das Ehepaar, nach Kanada auszuwandern. Vier Jahre später, im März 1952, gelang es ihnen endlich, in die USA gelangen, wo Lee noch heute lebt.

Den Hass überwinden

Lee Edwards zieht es immer wieder nach Deutschland und nach Europa zurück. Mit ihrem Bruder Emil hielt sie bis zu dessen Tod Kontakt, allen politischen Differenzen zum Trotz. 1989 kam sie zu einem Treffen von „Kindertransport-Kindern“ in London. Neun Jahre später besuchte sie ihre frühere Heimat auf Einladung der Stadt Frankfurt.

Dort sprach sie mit Schülerinnen und Schülern der Ernst-Reuter-Schule 1 und erzählte ihre Lebensgeschichte. Diese Begegnungen mit jungen Menschen liegen ihr sehr am Herzen. Sie will damit deutlich machen, dass sie nicht nur die großzügige Einladung der Stadt annimmt, sondern dass sie auch etwas mitbringt, nämlich ihre Geschichte, die sie jungen Menschen in ihrer früheren Heimat weitergeben möchte.

Erinnern und Gedenken

Lee Edwards sieht solche Gespräche als Chance, Hass und Vorbehalte zu überwinden. Die Schülerinnen und Schüler bewunderten nicht nur den Wunsch und die Bereitschaft der ehemaligen Frankfurterin, ihre Geschichte zu erzählen, sondern insbesondere die Offenheit ihnen gegenüber. Die vielen interessierten und neugierigen Fragen der Schülerinnen und Schüler zeigten, wie Lee Edwards mit ihrer Lebensgeschichte Fragen berührte, mit denen sich die Jugendlichen beschäftigen, Fragen der Identität, der Beziehungen zum Herkunftsland oder dem Umgang mit traumatischen Erfahrungen.

Auch in den USA ist Lee Edwards als Zeitzeugin aktiv und spricht in Schulen, Synagogen und Kirchengemeinden.

Während ihres Besuches in Frankfurt war es Lee Edwards ein besonderes Anliegen, gemeinsam mit ihrem Bruder das Grab des Vaters auf dem jüdischen Friedhof in Frankfurt aufzusuchen. Nach dem Tod von Emil Carlebach 2001 blieb sie weiterhin in Verbindung mit ihrer Nichte Amina und deren Tochter Lena Sarah.

Mit zwei Stolpersteinen trug Amina Carlebach 2010 dazu bei, die Erinnerung an das Schicksal ihrer Großeltern wachzuhalten. Seit dem Tod ihrer Mutter sind sich Lena Sarah Carlebach und ihre kinderlose Großtante Lee noch näher gekommen. Sie telefonieren regelmäßig miteinander. Lena Sarah Carlebach ist es ein großes Anliegen, die Erinnerung an die Geschichte der Mitglieder Familie zu bewahren. So initiierte sie 2016 zwei weitere Stolpersteine vor dem Haus der Familie in der Gaußstraße. Liesel, Emil und ihre Eltern sind so über die Stolpersteine wieder vereint.

„Durch die beiden weiteren Steine ist die Familie Carlebach, die in der Gaußstraße 16 gelebt hat, wieder beisammen. Das kann auch als eine Versöhnung angesehen werden – so unterschiedlich die Meinungen innerhalb der Familie auch waren, ein gemeinsames Schicksal teilten sie alle: das der Verfolgung“, so Lena Sarah Carlebach anlässlich der Verlegung der Stolpersteine.


Dorothy Baer, geb. Griesheimer, ist eine Cousine von Lee Edwards, geb. Liesel Carlebach; seit ihrer Kindheit sind sie befreundet. Beide verließen Deutschland mit einem Kindertransport.

Link zur Lebensgeschichte von Dorothy Baer, geb. Griesheimer als pdf:

Angelika Rieber, Am Schützenbrunnen 13, in: Ostend. Blick in ein jüdisches Viertel, Frankfurt 2000, S. 188-202.PDF 1,0 MB