Ricardo Caro

 

Über die halbe Welt verstreut

Familie Caro auf der Suche nach ihren Vorfahren

 

Von Georgette Brock

Dr. Ricardo Caro reiste 2014 im Rahmen des Besuchsprogramms der Stadt Frankfurt zusammen mit seiner Frau Lucia Gallo und seinem Sohn Alfredo aus Buenos Aires an. Der gebürtige Argentinier kam zum ersten Mal nach Deutschland, sprach jedoch fließend Deutsch, „weil die Familie zu Hause immer Deutsch gesprochen hat“.

Ricardos Mutter Lotte Caro war nämlich eine geborene Wachenheimer, die Wachenheimers waren seit Jahrhunderten in Hessen ansässig gewesen. Viele sind Nachkommen von Lazarus und Charlotte Wachenheimer aus Biebesheim, die acht Kinder hatten.

Eines dieser Kinder war Isaak, Ricardos Großvater, der Vater seiner Mutter Lotte Wachenheimer.

Isaak Wachenheimer heiratete Johanna Epstein und zog mit ihr nach Frankfurt, wo er am Untermainkai 82 ein Geschäft für Bijouterien, Gold- und Silberwaren, betrieb, das Ricardo Caro gern gesehen hätte.

Das Haus gibt es jedoch nicht mehr, an der Stelle ist heute eine Baulücke, aber die Gewerbekarte aus dem städtischen Gewerberegister, das im Institut für Stadtgeschichte verwahrt wird, weist an dieser Stelle den Betrieb einer „Schmucksachenhandlung“ aus.

Isaak und Johanna Wachenheimer hatten fünf Kinder: Rina (geb. 1899), Lilly (geb. 1900), Ernst (geb. 1903), Else (geb. 1905) und Lotte (geb. 1914). Als Lotte zwölf Jahre alt war, starb ihre Mutter und wurde auf dem Israelitischen Friedhof in der Rat-Beil-Straße in Frankfurt begraben.

 

Emigration nach Dänemark

Anders als viele andere scheint Issak Wachenheimer die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Kurz vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten emigrierte er mit zwei Töchtern nach Dänemark, wohin er bereits vorsorglich Gelder transferiert hatte. Die Wege und Schicksale der Familie trennten sich.

Die älteste Tochter Rina, inzwischen verheiratete Bruchfeld, blieb mit ihren Söhnen Franz Steffen und Edwin in Deutschland. Sein Sohn Ernst floh zunächst nach Barcelona, dann aber wegen des spanischen Bürgerkriegs weiter nach Bolivien. Else wanderte mit ihrem Mann Julius Wetzlar nach Uruguay aus.

Lotte, die jüngste, die bei der Ausreise aus Deutschland noch keine zwanzig gewesen war, lernte in Dänemark Hans Kurt Caro aus Berlin kennen. Er hatte die Stadt Mitte 1933 Hals über Kopf verlassen, nachdem man ihm nach einem Wortwechsel mit Nazi-Arbeitern bei Osram, wo er als Lehrling arbeitete, gedroht hatte: „Verfluchter Jude, wenn du morgen wieder erscheinst, bist du tot.“ Sie heirateten am 25. Juni 1936 und wanderten 1938 nach Argentinien aus, wo Hans Kurt Caro eine Arbeitsstelle bei dem Getreideexportunternehmen Dreyfuss in der Stadt Parana bekam. 1939 wurde dort ihr Sohn Ricardo geboren, der Frankfurt 2014 besucht hat; 1944 kam sein jüngerer Bruder Andres Caro zur Welt.

Nur Lilly blieb mit ihrem Vater und ihren drei Kindern Edith, Hanne und Gerhard in Dänemark. Ihr Mann, Julius Kaufmann, war 1933 nach Palästina gegangen. Sie sahen ihn erst 1951, achtzehn Jahre später, wieder.

Als Hitlers Truppen 1940 das neutrale Dänemark besetzten, nahm sich Isaak Wachenheimer das Leben. Auf dem Doppelgrabstein für seine Frau Johanna und ihn auf dem Israelitischen Friedhof in der Rat-Beil-Straße steht deshalb „GEST. 14. MAI 1940, LIEGT BEGRABEN IN KOPENHAGEN“.

 

Die dramatische Rettung der dänischen Juden

Isaaks Tochter Lilly und ihre Kinder blieben zunächst in Dänemark, denn anders als in anderen besetzten Ländern blieben die dänischen Juden vorerst unbehelligt. 1943 aber wurde Werner Best dort Hitlers Statthalter, der bereits an der Judenverfolgung in Frankreich beteiligt gewesen war und nun auch die Verhaftung der 8.000 dänischen Juden anmahnte. Als die Gestapo in der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober 1943 aber zuschlagen und die Juden verhaften wollte, waren fast alle Wohnungen leer: Die Bewohner waren gewarnt und von dänischen Freunden, Bekannten oder auch gänzlich Fremden versteckt worden. Die Helfer schmuggelten die Juden heimlich an die Küste des Öresund, von wo sie alle in einer einzigen Nacht von Fischkuttern und anderen kleinen Booten ins neutrale Schweden übergesetzt wurden. Bei dieser dramatischen Rettungsaktion gelangten auch Lilly und ihre Kinder im Laderaum eines Fischkutters nach Schweden. Lillys Tochter, Hanne Kaufmann, die später Schriftstellerin wurde, hat dieses Ereignis in einem Buch verarbeitet

 

Das Schicksal der Familie

Hannes Zwillingsbruder Gerhard kehrte nach dem Krieg nach Dänemark zurück, heiratete Lilian Rosenstock und wurde Vater von zwei Söhnen. Ihre Schwester Edith blieb in Schweden, heiratete Peter Thorson und bekam drei Kinder. Auch ihr Cousin Edwin Bruchfeld, der dem Holocaust im unbesetzten Frankreich entkam, ging später nach Schweden, heiratete Gudrun Goldschmidt und wurde Vater von sechs Kindern, die alle noch heute mit ihren Familien in Schweden leben.

 

Keine Rettung für Rina und Franz Steffen

Während Isaak Wachenheimers Töchter Lilly, Else und Lotte dem Holocaust im neutralen Schweden oder in Lateinamerika entkamen, traf es seine älteste Tochter Rina Bruchfeld und deren Sohn Franz Steffen umso härter. Sie waren 1933 über die Schweiz nach Frankreich geflohen und lebten im Pariser Vorort Boulogne-Billancourt. Rina wurde 1942 bei einer Razzia in Paris verhaftet und – dem Buch „Endstation Auschwitz“ von Beate und Serge Klarsfeld zufolge – am 3. August 1942 vom Lager Pithiviers aus mit dem „Transport Nr. 14 nach Auschwitz deportiert. Ihr Sohn Franz Steffen folgte ihr im Transport Nr. 24 am 26. August 1942.“

 

Schulbesuch in Oberursel

Davon und von der Flucht seiner Eltern und Verwandten, wohin immer dies noch möglich war – nach Schweden, Palästina und Lateinamerika – sprach Dr. Ricardo Caro bei seinem Schulbesuch im Gymnasium Oberursel. Er mahnte die Jugendlichen zur Wachsamkeit. Auf die Frage einer Schülerin, ob er glaube, dass es irgendwann wieder zu einer Katastrophe kommen könne, antwortete er: „Kann es. Die jungen Leute sind jetzt gefragt, denn die Lage ist schwierig. Ihr müsst sehr aufpassen und versuchen zu verhindern, dass es noch einmal zu einer solchen Tragödie kommt, egal mit wem. Die Welt hat damals zur Seite geschaut, heute tut sie es zum Beispiel in Syrien.“

 

Überraschende Entdeckung

Auf dem Abschlussempfang der Stadt Frankfurt saßen die Caros – inzwischen war auch Alfredos Frau Claudia in Frankfurt eingetroffen – zufällig an einem Tisch mit den beiden Schwestern Adler aus den USA und entdeckten im Laufe des Gesprächs, dass sie miteinander verwandt sind, denn Ricardo Caros Urgroßvater Isaak Wachenheimer und die Urgroßmutter der Schwestern Adler waren Geschwister: Isaak Wachenheimer hatte insgesamt sieben Geschwister, die alle in Biebesheim geboren waren; eine seiner Schwestern, Berta, hatte Josef Adler aus Altwiedermus in Nordhessen geheiratet, dessen Sohn in die USA emigriert war.

Heute gibt es keine Wachenheimers mehr in Biebesheim, ihre Nachkommen leben über die halbe Welt verstreut.

KURZBIOGRAPHIE

 

Ricardo Caro

Teilnahme am Besuchsprogramm: 2014

Eltern:
Mutter: Lotte Caro, geb, Wachenheimer aus Frankfurt
Vater: Hans Cut Caro aus Berlin

Großeltern:
Großvater: Isaak Wachenheimer
Großmutter: Johanna Wachenheimer, geb. Epstein

Geschäftsadresse in Frankfurt:
Untermainkai 82

 

  • 1933 Emigration nach Dänemark
  • 1936 Heirat der Eltern in der Emigration in Dänemark
  • 1938 Emigration von Lotte Wachenheimer, verh. Caro, mit ihrem Mann nach Argentinien
  • 1940 Selbstmord von Isaak Wachenheimer nach Einmarsch der Deutschen in Dänemark

Quellen:

  • Gespräche mit Angehörigen und Freunden der Familie Caro
  • Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Gross-Gerau e.V. (Hrsg.), Die Geschichte der Juden in Biebesheim, Riedstadt 1997.
  • Hanne Kaufmann, Die Nacht am Øresund. Ein jüdisches Schicksal, Bleicher Verlag, Gerlingen 1994.

Fotos:

  • Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Gross-Gerau e.V. (Hrsg.), Die Geschichte der Juden in Biebesheim, Forum Verlag, Riedstadt 1997.
  • Hanne Kaufmann, Die Nacht am Øresund. Ein jüdisches Schicksal, Bleicher Verlag, Gerlingen 1994.
  • Beate Klarsfeld und Serge Klarsfeld, Endstation Auschwitz. Die Deportation deutscher und österreichischer jüdischer Kinder aus Frankreich. Ein Erinnerungsbuch, Köln 2008.
  • Blog von Donna Adler Swarthout

Text und Recherche:
Georgette Brock