Varda Albalach

I came here to find my Roots

von Katja Walter

Varda Albalach, die zur zweiten Generation gehört, kam zusammen mit ihrem Lebensgefährten Tommy Lennartsson. Varda wohnt in Israel, wo sie mit ihren beiden erwachsenen Adoptivkindern die meiste Zeit des Jahres lebt. Die restliche Zeit pendelt sie mit ihrem Lebensgefährten mehrmals im Jahr zwischen Ramat Aviv und Nöttja in Schweden, Tommys Heimatort, hin und her. Während Varda aus einem jüdischen Elternhaus kommt, ist ihr Lebensgefährte Tommy getauft. Beide haben in ihrer Jugend eine liberal-religiöse Erziehung genossen, und das Thema Religion spielt innerhalb ihrer Beziehung eine eher untergeordnete Rolle. Wenn sie religiöse Feiertage berücksichtigen, so begehen sie hauptsächlich die jüdischen Feiertage in Israel und die christlichen Feiertage in Schweden, um mit ihren jeweiligen Angehörigen und Freunden die Feste auf traditionelle Weise zu feiern.

„He always talked about Germany very, very nicely“
Varda kam am 11. Juni 1947 in Palästina als Tochter von Emanuel (Helmut) und Ester Rosenblum, geb. Hellner, auf die Welt. Ihr Vater, geb. am 3.März 1912, verließ Deutschland bereits sehr früh, „in the year 1933, when he felt the anti-semitic ´winds`“. Er entschied sich sehr schnell, für sich und seine Eltern ein neues Zuhause im heutigen Israel aufzubauen. Sein Weg führte ihn zunächst über Paris nach Lissabon, wo er bei einer Tante unterkam. Nachdem er seine Dokumente zusammen hatte, um nach Palästina einzureisen und sich dort niederzulassen, verließ Emanuel Helmut Rosenblum Lissabon. Vardas Großeltern, Bernhard und Rosa Rosenblum, geb. Eschborn, folgten ihrem Sohn zwei Jahre später – ebenso wie ein Onkel von Varda. Ein weiterer Bruder ihres Vaters entschied sich hingegen, nach Amerika zu gehen, wo er in der Armee diente.

Varda berichtet über ihren Vater, dass er fast ausschließlich positive Erinnerungen an Deutschland hatte. Er erzählte oft von seiner ehemaligen Heimat und „he always talked about Germany very, very nicely“. Warum auch nicht? Die Rosenblums waren eine „normale“ deutsche Familie, die assimiliert war und interessiert am Alltagsleben in der Gesellschaft, an deutscher Literatur und an Geschäften. Emanuel Rosenblum wohnte in einem ansehnlichen Viertel in Frankfurt in der Günthersburgallee und hatte viele nicht-jüdische Freunde. Varda denkt bis heute gerne an die unzähligen Geschichten ihres Vaters und seiner Freunde aus seiner Vergangenheit in Deutschland zurück.
Als sich Emanuel Rosenblum entschied, seine Heimat zu verlassen, musste er nicht nur sein Geschäft, sondern auch seine Freunde zurücklassen. Varda erinnert sich daran, wie traurig ihr Vater immer wurde, wenn er von der Aufgabe seines Arbeitsplatzes und dem Verlassen seiner Heimat erzählte. Sie ist der Überzeugung, dass ihre Familie wohl niemals ausgewandert wäre, wenn die Nationalsozialisten nicht an die Macht gekommen wären. Ihr Bruder und sie wären dann wohl in Deutschland geboren worden.

Als Helmut Rosenblum, später Emanuel Rosenblum, am 3. März 1912 in Frankfurt das Licht der Welt erblickte, sah die Familie Rosenblum einer vielversprechenden Zukunft in Deutschland entgegen. Emanuel war das jüngste Kind von drei Geschwistern und besuchte zunächst die Musterschule in Frankfurt, die einen liberalen Ruf genoss. Durch den Besuch dieser Schule gewann er neben einigen jüdischen Freunden auch schnell sehr viele nicht-jüdische Freunde. Als er älter wurde, wechselte er dann von der Musterschule an das Philanthropin, die liberale jüdische Schule in Frankfurt.

Helmut blickte nach seinem erfolgreichen Abschluss am Philanthropin schwermütig in die Zukunft. Er entschied sich, in das Pelzgeschäft seines Vaters Bernhard Rosenblum & Co. einzusteigen, und riet seinem älteren Bruder Kurt ebenso dazu, der eigentlich an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Chemie studieren wollte. Das florierende Geschäft des Vaters befand sich mitten in Frankfurt, in der Schillerstraße.
Zu jener Zeit hatte sich bereits ein Teil von Helmuts jüdischen Freunden einer zionistischen Gruppe angeschlossen. Sie gaben ihm einige Literatur über die zionistische Idee und deren Bewegungen. In Helmut reifte mehr und mehr die Vorstellung, eines Tages nach Palästina auszuwandern. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten sollte es soweit sein. Er kehrte Deutschland den Rücken.

Varda Albalachs Vater kaufte keine deutschen Produkte
Es dauerte über ein Jahr, bis sich Emanuel Rosenblum in Palästina einigermaßen eingewöhnt hatte. Beruflich konnte er an alte Erfolge in Deutschland anknüpfen: Er eröffnete das erste Pelzgeschäft der Stadt Tel Aviv. Dort lernte er auch seine israelische Frau kennen. Sie bekamen zwei Kinder.
Varda Albalach betont, dass auch nach der Auswanderung alle in der Familie deutsch sprachen, obwohl die Familie ihres Vaters Deutschland den Rücken gekehrt hatte. Auf diese Weise erlernten Varda und ihr Bruder die deutsche Sprache. Ohnehin war Deutschland nie ein Tabuthema in der Familie. Emanuel Rosenblum erzählte seiner Tochter jeden Tag von der Vergangenheit und von seinem Leben in Deutschland. Die einzige Einschränkung, die Varda in Bezug auf Deutschland in ihrer Kindheit immer wieder deutlich zu spüren bekam, war das Verbot, deutsche Elektroprodukte zu kaufen.

Varda berichtet dazu von einer ganz bestimmten Situation in ihrer Jugend: Im Alter von ca. 16 Jahren kaufte sie sich eine Trockenhaube der Firma Krups. Als ihr Vater das Gerät sah, fragte er seine Tochter irritiert, was das solle, ob sie nicht wisse, woher dieses Gerät komme. Varda Albalach entgegnete, sie habe natürlich gelesen, woher das Gerät komme. Was daran verwerflich sei, konnte sich die Jugendliche nicht vorstellen. Da erklärte ihr Vater, dass die Firma Krups für die deutsche Armee Güter produziert hatte, ebenso wie viele weitere große deutschen Firmen während der nationalsozialistischen Herrschaft. Solch eine Firma dürfe man keinesfalls unterstützen. Diese vehemente Ablehnung gegenüber Produkten großer deutscher Firmen behielt er zeitlebens bei.

Besuch in Frankfurt
Nachdem Varda Albalachs Vater im Jahr 2000 gestorben war, entschied sie sich dazu, zum ersten Mal nach Deutschland zu reisen. Sie kam nach Frankfurt, um ihre Wurzeln zu finden, und wurde dabei von ihrer Tante und ihrem Lebensgefährten unterstützt. Bei diesem Aufenthalt wollten sie unbedingt den jüdischen Friedhof in Frankfurt besuchen. Es bewegte sie sehr, das Grab ihrer Urgroßeltern zu sehen. Seitdem reist Varda Albalach mit ihrem Lebensgefährten jedes Jahr einmal nach Deutschland, um sich ein Bild von dem Land und den Menschen zu machen.

Auch dieses Mal hatte sie bei ihrem Besuch in Deutschland das große Ziel, wieder einen Schritt weiter zu gehen: Sie wünschte sich, die ehemalige Wohnung ihrer Großeltern und ihres Vaters in der Günthersburgallee 48 anzuschauen. Sie wollte einmal auf dem Balkon stehen, auf dem einst ihr Vater stand und fotografiert wurde. Zudem hatte sie Interesse daran, die ehemalige Schule ihres Vaters zu besuchen, die Musterschule.
Die Projektgruppe „Jüdisches Leben in Frankfurt“ bemüht sich darum, ehemaligen Schülern bzw. deren Kindern den Besuch ihrer alten Schule zu ermöglichen. Dankend wurde von einer engagierten Lehrerin der Musterschule die Bereitschaft von Varda Albalach angenommen, dort mit Schülerinnen und Schülern zu sprechen.

Am Freitag, dem 1. Juni 2012, war es dann soweit: Ich holte Varda Albalach und Tommy Lennartsson am Hotel ab, und wir fuhren gemeinsam zur Musterschule. Dort wurden wir sehr herzlich von dem Schulleiter, Herrn Langsdorf, empfangen. Vardas anfängliche Bedenken, den Erwartungen der Schüler eventuell nicht gerecht zu werden, verflogen schon wenige Minuten nach dem Eintreffen in der Schule.

Nach einem kurzen Gespräch mit dem Schulleiter wurde Varda Albalach einer 10. Klasse vorgestellt. In den folgenden 90 Minuten berichtete sie zunächst von der Lebensgeschichte ihres Vaters. Varda Albalachs lebendige Erzählung umfasste viele Geschichten aus der Zeit ihres Vaters in Deutschland, aus seinem Leben in Palästina und schließlich auch seinem Verhältnis zu Deutschland. Anschließend präsentierte Varda Albalach den neugierigen und gespannt lauschenden Schülerinnen und Schülern Bilder ihrer Familie. Besonders interessiert waren die Schülerinnen und Schüler an dem Verhältnis von Varda und ihrem Vater zu Deutschland.

Varda Albalach war sehr angetan von dem großen Interesse der Schülerinnen und Schüler an ihrer Familiengeschichte. Die Begegnung mit den Jugendlichen hat sie dazu angeregt, in ihrer Heimat Israel das Gespräch mit den Jugendlichen zu suchen und eventuell auch dort mit Schulklassen zu sprechen. Sie hat sich vorgenommen, den Jugendlichen in ihrer Heimat nach ihrer Rückkehr einen neuen, aktuellen Blick auf die Mentalität und Politik des Landes sowie dessen Menschen zu ermöglichen, um damit einen Gegenpol zu den dort vielfach verbreiteten negativen Bildern zu schaffen.

Aber auch die Schülerinnen und Schüler waren nachhaltig von dem sympathischen und weltoffenen Besuch beeindruckt, besonders von Vardas unverkrampfter Art und Weise, mit ihnen über die Erlebnisse ihrer Familie zu sprechen. So konnten sie sich ohne Scheu nicht nur über Zahlen, Fakten und Thesen, die sie aus ihren Geschichtsbüchern kennen, sondern über die Auswirkungen des Antisemitismus auf das Leben einer Familie informieren.

Vardas innigster Wunsch: die frühere Wohnung des Vaters zu sehen
Nach dem Besuch in der Musterschule führte uns der Weg weiter zur Günthersburgallee 48. Dort erwartete uns bereits Frau Kokesch, eine Mieterin des Hauses zu der ich Kontakt aufgenommen hatte. Sie wohnt einen Stock über der ehemaligen Wohnung der Familie Rosenblum. Vier Wochen vor Varda Albalachs Besuch in Frankfurt hatte ich meinen ganzen Mut zusammengenommen und an der Tür von Frau Kokesch geläutet. Etwas misstrauisch, aber dennoch sehr freundlich, hörte sie sich mein Anliegen geduldig an.

Ich erzählte ihr sowohl von unserer Gruppe „Jüdisches Leben in Frankfurt“, von Varda Albalach und ihrem verstorbenen Vater als auch von ihrem innigen Wunsch, einmal das Wohnhaus ihres Vaters betreten zu können, in dem Helmut Rosenblum so viele glückliche Jahre gelebt hatte. Frau Kokesch war zunächst aus verständlichen Gründen zurückhaltend und bat mich, in Anbetracht des ungewöhnlichen Anliegens, um Bedenkzeit. Wenige Tage später erhielt ich schließlich den zustimmenden Anruf. Sie würde Varda Albalach und ihrem Lebensgefährten gerne sowohl das Haus als auch ihre Wohnung öffnen.

Die Aufregung vor dem Treffen war auf beiden Seiten sehr groß, aber das Eis war in jeder Hinsicht schnell gebrochen. Auf jeden Fall fielen die allerletzten Bedenken, nachdem die überglückliche Varda Albalach mit Frau Kokesch vor deren Balkonfenster stand und den Blick in die breite Allee genoss, den ihr Vater über lange Jahre seiner Kindheit hatte. Auf dem Balkon war eines der wenigen Bilder des jungen Helmut entstanden, das bis heute erhalten geblieben ist.

Für Varda und Frau Kokesch war es ein sehr bewegender Moment, ein Grund dafür, warum die beiden Frauen bis heute noch in Kontakt stehen. Dieses Erlebnis war für Varda Albalach der emotionalste Moment, den sie bislang in Deutschland erlebt hat.

Für die Israelin und ihren schwedischen Lebensgefährten Tommy Lennartsson stand spätestens nach diesem Besuch fest, dass sie unbedingt wieder nach Deutschland und auch wieder nach Frankfurt kommen wollen. Die vielen neuen Begegnungen haben ihnen abermals Mut gemacht, offen auf die Frankfurter Bürger zuzugehen und noch weiter nach den Wurzeln ihrer Familie zu suchen. So würden sie unter anderem sehr gerne noch das Elternhaus ihrer Großeltern sehen, um auch dort einen weiteren Teil ihrer Wurzeln zu entdecken.

KURZBIOGRAPHIE

Name:
Varda Albalach

Teilnahme am Besuchsprogramm: 2012

Geboren:
1947

Vater:
Helmut Emanuel Rosenblum, geb. 1912

Wohnung der Familie:
Frankfurt, Günthersburgallee

Schule des Vaters:
Musterschule, Philantropin

Ausbildung:
Kürschner

Geschäft des Großvaters:
Pelzgeschäft in der Schillerstraße in Frankfurt
Die Familie besuchte die Synagoge am Börneplatz
1933 emigriert Helmut Rosenblum nach Palästina, seine Eltern folgen 2 Jahre später


Quellen:

  • Korrespondenz und Gespräche mit Varda Albalach
  • Aufnahme des Unterrichtsgesprächs in der Musterschule

Fotos:
Varda Albalach, Katja Walter

Text:
Katja Walter