Benjamin Hirsch

 

Home is where you find it

 

Von Ingrid Bruch

Benjamin Hirsch wird kurz vor Hitlers Machtergreifung im September 1932 in Frankfurt geboren. Er ist das fünfte von sieben Kindern des Zahnarztes Dr. Hermann Hirsch und dessen Frau Mathilda Auerbach Hirsch. Der Vater betreibt eine gutgehende Praxis in der Grüne Straße in der Nähe des Zoos und kann seine Familie damit gut versorgen bis die Nürnberger Gesetze ihn zwingen, seine nicht-jüdischen Patienten aufzugeben. Im November 1938 muss Ben mit ansehen, wie die Synagoge an der Friedberger Anlage, die er gern mit den Eltern besucht hat, geschändet und abgebrannt wird. Als der Vater kurz danach nach Buchenwald verschleppt wird, beschließt die Mutter die fünf älteren Kinder zu Verwandten ins Ausland in Sicherheit zu bringen. Mit dem ersten Kindertransport nach Paris verlässt Benjamin als Sechsjähriger Frankfurt in Begleitung seiner Geschwister. Seine Eltern wird er nie wieder sehen.

 

Parkbank für Juden verboten

Ben ist erst drei Jahre alt als die Nürnberger Gesetze den Juden die Bürgerrechte entziehen. Bis zu seiner Flucht aus Europa 1941 lernt er nur Diskriminierung und Demütigung von Juden kennen. Gern geht er als kleiner Junge mit der Mutter in den Park an der Friedberger Anlage, der ganz in der Nähe liegt, und schaut sich die Enten an. Eines Tages gibt es nur noch eine Bank, die für Juden erlaubt ist und diese hat keinen Ausblick auf das Wasser und die Enten. Ben erinnert sich, wie traurig er darüber war.

Das schlimmste Erlebnis in Frankfurt, an das er sich erinnern kann, ist die sogenannte Kristallnacht. Zusammen mit seinem 14-jährigen Cousin Arno beobachtet er am 9.November 1938, wie „kriminelle junge Männer“ mit selbstgebauten Brandsätzen in die Synagoge rennen und ein Feuer entfachen. Beim Hinauslaufen schleppen sie die silbernen rituellen Gegenstände mit und werfen sie auf den Vorplatz. Die schönste und größte Synagoge Deutschlands wird vor seinen Augen in Brand gesteckt und keiner schreitet ein. Die heiligen Thorarollen werden auf dem Zaun aufgespießt und Benjamin und Arno stehen wie gelähmt auf der anderen Straßenseite. Die Hälfte der über hundert Zuschauer ist entsetzt und schockiert über das, was sie sieht, hat aber gleichzeitig Angst, denn der andere Teil der Zuschauer jubelt wie bei einem Fußballspiel und feuert die Zerstörer an.

Später am gleichen Tag kommen zwei bewaffnete SS- Männer mit Hund und einem Gestapo Mann zur Wohnung, um den Vater zu verhaften. Der Gestapo- Mann zerrt das Baby Roseline vom Arm der Mutter und wirft es auf den Boden und droht ihr, das Kind zu erschießen, falls ihr Mann nicht in dreißig Sekunden erscheine. Ben ist erst sechs Jahre alt, aber die Erinnerung daran wird er nie vergessen.

Mit dem Vater im Konzentrationslager hat die Mutter plötzlich die alleinige Verantwortung für die Familie. Sie hat Angst um ihre Kinder, und als sie von einem Kindertransport nach Paris hört, beschließt sie ihre fünf großen Kinder mitzuschicken und diese bei den beiden Brüdern des Vaters und bei ihrer Tante vorübergehend in Sicherheit zu bringen.

 

Kindertransport nach Paris

Flo, die 13-jährige Schwester darf mitreisen, um die kleineren vier Geschwister zu betreuen, obwohl die Rettungsorganisation normalerwiese nur 6-12 jährigen Kindern erlaubt mitzureisen. Für Ben ist die Fahrt zu den Verwandten nach Paris ein Abenteuer und er versteht nicht, warum die Mutter und älteren Geschwister beim Packen der Koffer und auch beim Abschied auf dem Bahnsteig traurig sind und weinen. Nie wäre er auf den Gedanken gekommen, dass er seine Eltern und die zwei jüngeren Geschwister nicht wiedersehen würde.

In Paris müssen die Geschwister aufgrund räumlicher Probleme getrennt untergebracht werden. Ben wohnt bei den freundlichen Nachbarn seines Onkels, die sich gut um ihn kümmern. Er kann in die Schule gehen und lernt Französisch. Kurz bevor die Nazis in Paris einmarschieren, wird er zu seiner Sicherheit nach Montmorency, einem Vorort von Paris gebracht, wo es in der Villa Helvetia ein Kinderheim des jüdischen Hilfswerks OSE (Œuvre de secours aux enfants) gibt.

Hinweis: OSE (Ouevre de secours aux enfants): Jüdische Hilfsorganisation, die zwischen 1938 und 1941 Kindern hilft, aus Europa zu flüchten, nachdem sie in französischen Waisenhäusern vor den Nazis nicht mehr sicher sind. Die OSE organisiert zwei Überfahrten von Lissabon nach New York für 145 jüdische Kinder, die aus südfranzösischen Waisenhäusern fliehen müssen. Geplant war die Flucht von 1600 Kindern, doch die Organisation wird 1941 entdeckt und verfolgt.

 

Auf der Flucht quer durch Europa 1938 bis 1941

Auch in Montmorency ist Ben nicht lange sicher und er wird nach Südfrankreich gebracht, das noch nicht von den Deutschen okkupiert ist. Dabei wird er von seinen Geschwistern getrennt. Im Mai 1941 setzt man Ben in den Bus nach Marseilles, wo er zusammen mit seinen Brüdern auf einen Konvoi von 100 jüdischen Kindern treffen sollte, mit denen er gemeinsam nach Amerika reisen soll. Wegen starker Magenschmerzen, die für eine Blinddarmentzündung gehalten werden, kann Ben jedoch nicht weiterreisen und wird in ein Kinderheim in der Nähe von Vichy gebracht.

Drei Monate später erfährt er, dass dem ersten Konvoi die Flucht gelungen ist und seine Brüder New York sicher erreicht haben. Erneut wird er nach Marseilles gebracht und im nächsten Bus macht er sich mit seinen Schwestern auf den Weg nach Lissabon, wo sie mit 51 weiteren jüdischen Kindern mit dem Schiff in die USA fliehen sollen. Die Reise über die Pyrenäen quer durch Spanien nach Madrid ist gefährlich, denn sie können jederzeit entdeckt und aufgehalten werden. In Madrid müssen sie eine Pause einlegen bevor die Reise weitergeht.

Endlich ist Lissabon erreicht und sie können 14 Tage später, nachdem der Dampfer Mouzinho angekommen ist, in einer Gruppe von 54 Kindern die Ausreise aus Europa beginnen.

Am 1. September 1941 erreicht das Schiff voll besetzt mit jüdischen Passagieren New York. Ben ist neun Jahre alt und endlich in Sicherheit. Dieses Schiff sollte das letzte sein, dass jüdischen Kindern die Flucht aus Europa ermöglicht hat. Die Nazis hatten die Rettungsroute der Hilfsorganisation entdeckt und geschlossen. Ben und seine beiden Schwestern werden nach Atlanta in Pflegefamilien gebracht, wo ihre beiden Brüder bereits leben.

 

Ohne Eltern in einem fremden Land

Bis Ben in die High School kommt, ist er in viele Raufereien verwickelt. Er fühlt sich als Jude und Ausländer ausgegrenzt und ausgelacht. Anfangs trägt er die Kippa in die Schule, was viele Hänseleien und Prügeleien verursacht, bis ihn ein Lehrer überredet, diese nicht mehr in der Schule zu tragen. Geborgen und sicher fühlt er sich nur in der jüdischen Gemeinde in Atlanta, denn hier kann er die Kippa tragen, das letzte Symbol seiner orthodoxen jüdischen Herkunft und die einzige Verbindung mit den Eltern.

Als er in eine zweite Pflegefamilie kommt, die von der Gemeinde weit weg wohnt und nicht besonders religiös ist, leidet er sehr. Der Druck, sich an die amerikanische Lebensweise anzupassen wird immer stärker und die Probleme in den verschiedenen Pflegefamilien nehmen in der Pubertät zu. Dennoch bemüht er sich, seinen orthodoxen Glauben weiterhin zu leben wie z.B. koscheres Essen zu kochen und den Shabbat zu feiern.

Die Verbindung zu seinen Geschwistern, die in anderen Pflegefamilien leben, ist ihm sehr wichtig. Nach dem erfolgreichen High School Abschluss arbeitet er in verschiedenen Jobs, um Geld zu verdienen. Ein Stipendium an der technischen Universität von Georgia wird ihm verwehrt, da er kein amerikanischer Staatsbürger ist. Erst mit 21 Jahren kann er die Staatsbürgerschaft beantragen und ein Architekturstudium beginnen.

Als überzeugter amerikanischer Staatsbürger unterbricht er nach zwei Jahren sein Studium, um sich als freiwilliger Soldat für den Koreakrieg zu melden. Er tut dies aus Dankbarkeit für das Land, das ihn aufgenommen hat und ihm eine Heimat gegeben hat. Nach seiner Rückkehr heiratet er, wird Vater von vier Kindern und ein erfolgreicher Architekt in Atlanta.

 

Keine Nachrichten aus Deutschland

All die Jahre in den USA hat Ben den Gedanken an die Eltern und Geschwister verdrängt und seine ganze Kraft dafür verwendet, sich ein neues Leben aufzubauen. Er hatte aber immer gehofft, dass sie noch leben. Erst als der 2. Weltkrieg vorbei ist, erreichen ihn die ersten Nachrichten aus Deutschland, aber über die Eltern hört er nichts. Aus diesem Grund bemüht sich sein Bruder Anselm über die amerikanische Armee nach Deutschland zu kommen, um dort als Soldat erfahren zu können, was mit seinen Eltern und den beiden jüngsten Geschwistern geschehen ist.

Seine Suche vor Ort bleibt zunächst ergebnislos, aber bald danach erfährt er, dass sein Vater am 5.11.1942 in Ausschwitz ermordet wurde. Laut Auskunft des Bundesarchivs wurden die Mutter und beiden kleinen Geschwister Werner und Roseline 1942 nach Raasiku/Estland deportiert. Gleichzeitig gibt es eine Auskunft von einem Onkel, der Häftling in Auschwitz war, der sagt, er habe alle drei 1943 dort gesehen. Bis heute ist nicht eindeutig belegt, wo und unter welchen Umständen die Mutter und die Kinder zu Tode kamen.

Im Andenken an das Schicksal der Familie Hirsch hat die Initiative Stolperstein am 7. Juli 2010 vier Stolpersteine vor dem ehemaligen Wohnhaus in der Grüne Straße gelegt.

 

Engagierter Zeitzeuge in Atlanta und Frankfurt

Benjamin Hirsch hat viel über den Holocaust geforscht und 1965 hat er einen Architekturpreis für sein Denkmal ‚Memorial to the Six Million‘ auf dem Greenwood Friedhof in Atlanta erhalten. Er hat eine Ausstellung über den Holocaust entworfen, die im Breman Museum in Atlanta zu sehen ist, wo er auch als Zeitzeuge auftritt. Er hat zwei Bücher über seine Lebensgeschichte geschrieben, um die Ermordung seiner Eltern und jüngeren Geschwister zu verarbeiten.

2008 hat Benjamin Hirsch gemeinsam mit seiner Frau, Tochter und Enkelin als Zeitzeuge im Rahmen des Besuchsprograms der Stadt Frankfurt das Ernst-Reuter Oberstufengymnasium besucht. Die 12. Klasse war sehr bewegt als sie die Geschichte des Kindertransports der Hirschkinder hörte. Da Ben im Unterricht eine Kippa trug, stellten ihm die Schüler und Schülerinnen viele Fragen zu seinem orthodoxen jüdischen Glauben. Eine der Schülerinnen, Raihanna, beschreibt die Begegnung mit den Mitgliedern der Familie Hirsch als eine einzigartige, ganz besondere Erfahrung. Besonders bemerkenswert findet sie, wie es den Kindern gelungen ist, alleine und ohne Eltern ihr Leben zu meistern, und zu sehen, wie die jüdischen Traditionen den Zusammenhalt der Geschwister bis heute geprägt haben. Wichtig findet sie auch, dass das Gespräch dazu beigetragen hat, die Deutschlandbilder der Besucher positiv zu verändern.

Heute ist Ben sehr dankbar für die Freiheit, die er in der neuen Heimat gefunden hat. „Home is where you find it“, so der Titel der Autobiographie von Benjamin Hirsch.

Mit der Erfahrung eines Menschen, der eine brutale Diktatur genauso wie eine starke Demokratie in den USA erlebt hat, meint Ben, die Freiheit sei für ihn das höchste Gut. Sie sei ständig in Gefahr beschnitten zu werden, und müsse mit allen Mitteln immer wieder neu verteidigt werden.

KURZBIOGRAPHIE

 

Benjamin Hirsch

  • Geb. 1932 in Frankfurt
  • Teilnahme am Besuchsprogramm 2008
  • Teilnahme seines Bruders Anselm Asher Hirsch am Besuchsprogramm 1998

Eltern:

  • Dr. Hermann Hirsch, Zahnarzt
  • Mathilda Hirsch, geb. Auerbach

Geschwister:
Flora (1925), Anselm Asher (1927), Gustel (1929), Jakob Jack (1931), Werner (1937) und Roseline (1938)

Wohnadresse:
Grüne Straße 30

Synagoge:
Friedberger Anlage

Emigration:
zusammen mit vier Geschwistern mit einem Kindertransport nach Frankreich und von dort in die USA

Opfer der Shoa:

  • Vater: Hermann Hirsch: 1942 in Auschwitz ermordet
  • Mutter und jüngere Geschwister: Mathilda, Werner und Roseline: 1942 Deportation nach Raasiku/Estland; Ermordung


Quellen:

  • Benjamin Hirsch: Benjamin Hirsch’s Story in: A Portrait from the Holocaust.
  • Ders: Home is where you find it, a memoir, 2006. Selbstverlag
  • Aufzeichnung des Gesprächs mit Benjamin Hirsch in der Ernst-Reuterschule 1, 2008
  • Aufzeichnung des Gesprächs mit Anselm Hirsch in der Kopernikusschule, 1998
  • Jahrbuch der Ernst-Reuter-Schule 2008, Seite 107/108
  • HHStAW

Fotos:

  • Benjamin Hirsch privat
  • Angelika Rieber
  • Ingrid Bruch

Recherchen:
Ingrid Bruch und Angelika Rieber

Text:
Ingrid Bruch