Familie Leo

„Wir zweifelten zu keiner Zeit, dass wir genauso Deutsche waren wie alle anderen in diesem Land“

von Angelika Rieber

Die Leos – eine deutsch-jüdische Familie

Thomas Leo ist stolz auf seinen berühmten Vorfahren, den Philosophen Moses Mendelssohn, der für die Emanzipation der Juden in Deutschland und in Europa stritt. Unter dem Druck der Verhältnisse im 19. Jahrhundert waren jedoch viele seiner Nachfahren, so auch
die Leos, zum Christentum übergetreten. Sein Vater, Ulrich Leo, lebte in sogenannter „Mischehe“.
Die Kinder, Thomas und Gerhard, wuchsen protestantisch auf. 1932 zogen die Leos von Frankfurt nach Oberursel, wo sie bis zur Auswanderung 1938 bzw. 1939 lebten.

Der Machtantritt der Nationalsozialisten machte die beruflichen Pläne Ulrich Leos zunichte. Zwar konnte er als früherer Frontkämpfer noch bis Ende 1935 als Bibliotheksrat in der Stadtbibliothek in Frankfurt tätig sein. Danach erhielt er zunächst eine Pension, weshalb er die Auswanderung anfangs nicht mit Nachdruck verfolgte. Auf Drängen seiner Frau verließ er jedoch am 1. 4. 1938 Deutschland, um eine Stelle in Venezuela anzutreten.

„Ich war eben ein sehr einsamer Junge“

Thomas und Gerhard Leo besuchten in Oberursel die Volksschule und später das Gymnasium. Im Gedächtnis ist Thomas das Gefühl geblieben, ausgeschlossen zu sein. Im Alter von neun Jahre wollte er zur Hitlerjugend, wurde jedoch aufgrund seiner jüdischen Herkunft – „Gott sei Dank“, wie er heute bemerkt – nicht aufgenommen, „aber ich war eben ein sehr einsamer Junge“.

Deutlich spürte er die Verunsicherung seiner Umgebung ihm gegenüber. „Ich erinnere mich an eine große Versammlung mit Hunderten von Jungen und Mädchen in HJ-Uniform. Ich ging auch hin, natürlich ohne Uniform. Ich sah Schulkameraden und Lehrer, und sie sahen mich natürlich auch. Sie wussten nicht, was sie mit mir anfangen sollten, und sie waren sicher befangen und irgendwie verlegen. Als sie anfingen zu marschieren, ging ich mit, in der Gosse, an der Seite des Weges.“

Mit dem Novemberpogrom verbindet Thomas Leo große Angst. Nazi-Trupps überfielen und verwüsteten ihr Haus. In Todesangst floh Helene Leo mit den beiden Söhnen am Bachpfädchen entlang in Richtung Hohemark. Sie versteckten sich in Höhe des Schillerturms. Nun bemühte sich die Oberurselerin, auf schnellstem Wege ihrem Mann nach Venezuela zu folgen. Die beiden Söhne brachte sie vorübergehend in einer Quäkerschule in Eerde in Holland unter, bis sie gemeinsam Deutschland verlassen konnten.

„Wir hatten viel Not“

Die Familie war zwar gerettet, lebte aber unter sehr schwierigen Be­dingungen. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges konnten die beiden Söhne zum Studium in die USA ausreisen. Ulrich Leo erhielt einen Ruf für die Universität in Toronto. Am Ende der fünfziger Jahre entschloss er sich, eine Gastprofessur in Deutschland anzutreten. Diese Rückkehr in die alte Heimat war nicht frei von psychischen Belastungen. Ulrich Leo erkrankte und musste 1959 zu einem Aufenthalt in die Klinik Hohemark. 1964 starb der Romanist in Toronto.

„Plötzlich und unerwartet fand ich mich abgestempelt als Jude“

Sein Bruder Paul Leo lebte in Osnabrück und war dort evangelischer Pfarrer geworden. „Wir zweifelten zu keiner Zeit, dass wir genauso Deutsche waren wie alle anderen in diesem Land“, schrieb er in seinen Lebenserinnerungen. Dies änderte sich 1933. „Plötzlich und unerwartet fand ich mich abgestempelt als Jude.“ 1938 wurde er gezwungen, sein Amt niederzulegen, und wurde in den Ruhestand versetzt.

Nach der Verhaftung im November 1938 und seiner Freilassung Wochen später floh er nach Holland und später in die USA. Als deutscher Christ jüdischer Herkunft war er jedoch auch dort suspekt, wie sich die Tochter Anne erinnert. Paul Leo sah seine frühere Heimat nicht wieder. Kurz vor einer 1958 geplanten Reise nach Deutschland erlitt er eine Herzattacke.

Vergeben, aber nicht vergessen

1960, veranlasst durch die Erkrankung seines Vaters, kam Thomas Leo das erste Mal zurück nach Europa. Diese Tatsache machte ihm klar, dass er einen Strich unter die Vergangenheit machen wollte.
„Ich fühlte, dass ich meiner alten Heimat die Ungerechtigkeit und die Leiden unseres Lebens auf der Flucht und der Wanderung vergeben konnte.“
Ein Klassentreffen in seiner alten Heimat 2004 erfüllte ihn mit einem tiefen Gefühl von Befriedigung. Der frühere Oberurseler fühlte sich nicht mehr ausgeschlossen, sondern wieder in den Kreis aufgenommen. Bei diesem Besuch erfuhr er auch, dass ein halbes Dutzend seiner Klassenkameraden ihr Leben im Zweiten Weltkrieg verloren hatten, eine Tatsache, die ihn mit Trauer erfüllt.

KURZBIOGRAPHIE

Teilnahme am Besuchsprogramm: 2012

Name:
Thomas Leo, geb. 1925 in Marburg
Teilnahme am Besuchsprogramm der Stadt Frankfurt 2005

Vater:
Ulrich Leo, Romanist, Christ jüdischer Herkunft

Wohnadressen:
Frankfurt: Comeniusstraße, Oberursel (1932-1939): Altkönigstraße

  • 1935 Entlassung von Ulrich Leo aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“
  • 1938 Ulrich Leo: Emigration nach Venezuela
  • 1939 folgen seine nichtjüdische Frau Helene Leo und die beiden Söhne Gerhard und Thomas, * „Mischlinge 1. Grades“
  • nach dem Zweiten Weltkrieg finden Thomas und Gerhard Leo Studienplätze in den USA, Ulrich Leo erhält eine Professur in Kanada

Bruder von Ulrich Leo:

  • Paul Leo, evangelischer Pfarrer in Osnabrück, eine Tochter
  • 1938 Verhaftung während des Novemberpogroms
  • nach Freilassung Flucht über Holland in die USA


Quellen:

  • Rieber, A. (2004): Wir bleiben hier. Lebenswege Oberurseler Familien jüdischer Herkunft, Kramer-Verlag: Frankfurt
  • Rieber, A. (2006): „Wir zweifelten zu keiner Zeit, dass wir genauso Deutsche waren wie alle anderen in diesem Land“. In: Jahrbuch Hochtaunuskreis 2007, Societäs-Verlag: Frankfurt am Main
  • Erfurt, J. (2000): Vom Selbstvergessen und Sich-Wiederfinden. Der Romanist Ulrich Leo in Briefen und Akten.; in: Les Mot de la Tribu, Hrsg.: Thomas Amos u.a., Tübingen 2000, S. 250 f
  • Schauber, P. (2014) Ulrich Leos Lebenswerk als Romanist -
  • Warum Schicksalsschläge seine Forschungsarbeit konzeptioniert haben
  • Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden
  • Gespräche und Korrespondenz mit Thomas Leo und Anne Ellis sowie private Dokumente und Fotos

Text:
Angelika Rieber