KURZBIOGRAPHIE

Name:
Ludwig Wilhelm von Gans

  • geb. 1869 in Frankfurt am Main
  • Chemiker, Gründer der Firma Pharma-Gans
  • getauft, Mitglied der Christuskirchengemeinde in Oberursel
  • Wohnort: Frankfurt und Oberursel (1910-1928)
  • Emigration: in die Schweiz 1938
  • 1943 Deportation nach Theresienstadt während eines Besuchs in Dänemark
  • 1945 Befreiung aus der Lagerhaft
  • 1946 Tod durch Suizid

Kinder:
Herbert, Armin, Gertude und Marguerite


Quellen:

  • von Gans, A. (2006): Die Familie Gans 1350-1963, Verlag Regionalkultur: Heidelberg
    Baeumerth, A.(1991): Oberursel am Taunus. Eine Stadtgeschichte, Verlag Waldemar Kramer: Frankfurt
  • Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden
  • Stadtarchiv Oberursel
  • Archiv der Christuskirchengemeinde

  • Gespräche mit Peter von Gans

Fotos:
Archiv Angela von Gans, Angelika Rieber, Archiv Angelika Rieber, Sammlung Bernd Ochs

Text:
Angelika Rieber

Ludwig Wilhelm von Gans

Das Uhrwerk der Christuskirche erinnert an den Spender

Von Angelika Rieber

Villa Gans auf der „Kestenhöhe“

Die Villa Gans in der Königsteiner Straße ist nicht nur Oberurselern bekannt.
Ursprünglich wurde das im englischen Landhausstil konzipierte Haus auf der „Kestenhöhe“, so genannt wegen des Kastanienhains, 1909 für Ludwig von Gans und seine Familie erbaut.
Es war luxuriös ausgestattet, der Park mit exotischen Baumarten und Baumzüchtungen aus aller Welt angelegt.

Ludwig Wilhelm von Gans stammte aus einer bekannten jüdischen Familie und wurde 1869 in Frankfurt am Main geboren als jüngster Sohn des Fabrikanten Fritz Gans, Mitbegründer der Casella Farbwerke. Wie sein Bruder Paul studierte Ludwig von Gans Chemie und arbeitete zunächst im väterlichen Unternehmen. Geschäftsreisen führten ihn durch den Balkan bis nach Izmir.

Ludwig von Gans gründete 1897 ein eigenes Chemieunternehmen, die Firma Pharma-Gans, die zunächst in Frankfurt beheimatet war. Später verlegte er den Sitz nach Oberursel. Die erfolgreiche Firma stellte u.a. Seren für Impfstoffe und Insulin her. Auch auf sozialem Gebiet zeichnete sich Ludwig von Gans aus. Seit 1912 gab es für die Beschäftigten eine Gewinnbeteiligung.

Das Uhrwerk der Christus­kirche erinnert an den Spender Ludwig von Gans

1910 zog der Fabrikant mit seiner Familie nach Oberursel. Bekannt wurde Ludwig von Gans dort für sein Engagement in der Oberurseler Kommunalpolitik. Von 1913 bis 1919 war er Mitglied der Stadtverordnetenversammlung. Die Familie, Ludwig von Gans, seine nichtjüdische Frau Elisabeth und die vier Kinder Herbert, Armin, Marguerite und Gertrude, gehörte der evangelischen Christuskirchengemeinde an. Dort wurde 1917 der Sohn Armin getauft und 1925 die Tochter Gertrude konfirmiert.

Marguerite heiratete 1922 in Oberursel. Die Verbundenheit mit der Christuskirche zeigte Ludwig von Gans durch eine großzügige Spende für das Uhrwerk im Glockenturm.

1928 endete die Zeit der Familie von Gans in Oberursel. Hintergrund waren ein verloren gegangener Patentstreit der Firma mit den Casella-Werken bzw. den IG Farben sowie die Folgen der Weltwirtschaftskrise. Die Firma ging in Konkurs. Die Villa wurde verkauft. Ludwig von Gans kehrte wieder in seine Geburtsstadt Frankfurt zurück.

„Reichsschulungsburg Kestenhöhe“

1934 wurde die Villa Gans von der Deutschen Arbeitsfront (DAF) erworben, die dort am 20.10.1935 die „Reichsschulungsburg Kestenhöhe“ einweihte.
Unmittelbar nach dem Krieg wurde die Villa als „Country Club“ für höhere Offiziere der amerikanischen Armee genutzt. Ab 1953 gehörte das Anwesen dem Deutschen Gewerkschaftsbund, der hier ein „Haus der Gewerkschaftsjugend“ etablierte.

Suizid nach der Befreiung aus Theresienstadt

Neben dem Verlust seines Vermögens stellten die politischen Veränderungen in Deutschland einen weiteren tiefen Einschnitt ins Leben von Ludwig von Gans dar. 1938 entschloss er sich zur Emigration in die Schweiz. Ein Besuch bei Bekannten in Dänemark kurz vor Beginn des 2. Weltkriegs wurde ihm zum Verhängnis. Dort wurde er nach der Besetzung Dänemarks verhaftet und am 6. 10. 1943 im Alter von 74 Jahren nach Theresienstadt deportiert.

Als das Schwedische Rote Kreuz ihn aus der Haft in Theresienstadt befreite, war Ludwig von Gans halb verhungert und durch die Haftbedingungen geistig verwirrt. Man brachte ihn zunächst nach Schweden und dann nach Dänemark zurück. Er bemühte sich um eine Rückwanderungserlaubnis durch die Militärregierung, was ihm jedoch nicht gelang. In Kopenhagen starb er eineinhalb Jahre nach der Freilassung 1946 durch Suizid.

Für Peter von Gans stürzte eine Welt zusammen, als er von seinen jüdischen Wurzeln erfuhr

Sein Sohn Herbert von Gans hatte während der NS-Zeit aufgrund seiner jüdischen Herkunft berufliche Probleme und musste nach eigenen Aussagen auf Druck aus der Teilhabe an der Firma Mettenheimer in Frankfurt ausscheiden. Wie viele „Halbjuden“ wurde er zunächst zum Militär eingezogen und 1940 wieder entlassen. Ebenso sollte Herbert von Gans 1944 bei der Organisation Todt zwangsverpflichtet werden, entzog sich jedoch durch Flucht nach Wien. 1954 zog es ihn zurück an den Taunusrand, wo er in Kronberg-Schönberg lebte.

Sein Sohn Peter lebte während der Kriegsjahre mit seiner nichtjüdischen Mutter in Kitzbühl. Als der Junge von der jüdischen Herkunft seines Großvaters erfuhr, brach für ihn eine Welt zusammen. Seine Mutter setzte sich tatkräftig dafür ein, ihn vor dem Ausschluss aus dem Jungvolk zu bewahren.