KURZBIOGRAPHIE

Margot Lobree, geb. Hirschmann
*25. September 1925 in Frankfurt am Main
Reisekauffrau (travel counselor)
Heute lebt Margot Lobree in Winston-Salem/USA

Teilnahme am Besuchsprogramm 1996

Rettung mit einem Kindertransport nach England/UK im April 1939
Emigration in die USA im April 1944
Heirat mit David Lobree am 17. Oktober 1948

Ehemann:
David Lobree
*27. November 1919 San Francisco/Kalifornien
gestorben am 9. Mai 2004
Maschinenbau-Ingenieur, Handelsvertreter für Industriemaschinen

Zwei Söhne:
Lindsey D. Lobree (*1953) und Bruce A. Lobree (*1958)

Eltern:
Lazarus Hirschmann
*5. Oktober 1889 in Ober-Roden (heute Rödermark, Kreis Offenbach)
Kaufmann
gestorben am 5. Januar 1938 in Frankfurt

Hedwig Hirschmann, geb. Scheuer
*30. Juli 1894 in Hochweisel/Friedberg
Buchhalterin
Deportation von Frankfurt nach Izbica am 24. Mai 1942
Datum und Ort ihrer Ermordung durch die Nazis unbekannt

Bruder:
Helmut Martin Hirschmann
*11. März 1922 in Frankfurt
nach der Aliyah nach Palästina/Israel: Uri Hirschmann
gestorben im September 2013 in Israel

Frankfurter Adressen der Familie Hirschmann ab 1932

  • 1932 bis 1936: Rohmer Platz 27 (Haushaltsvorstand: Lazarus Hirschmann)
  • 1937: Moltke-Allee 96 (Lazarus Hirschmann)
  • 1938: kein Eintrag (weder Lazarus noch Hedwig Hirschmann oder Scheuer – die zugezogenen Eltern von Hedwig – in der Moltke-Allee)
  • Lazarus H. starb im Jan. 1938 im Krankenhaus
  • 1939 bis 1942: Moltke-Allee 104 (Hedwig Hirschmann, Wwe), heute: Hamburger Allee (Bockenheim), letzte frei gewählte Adresse in Frankfurt
  • Letzte Frankfurter Adresse von Hedwig Hirschmann lt. ihrer Tochter Margot: Am Tiergarten 28


Quellen:

  • Adressbücher für Frankfurt am Main, 1932-1942
  • Bundesarchiv-Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter nationalsozialistischer Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945 – Hedwig Hirschmann
  • Friedhofsverwaltung, Jüdische Gemeinde Frankfurt
  • Hessisches Landesarchiv, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Akten 518_8314; 518_8315; 518_8317
  • Lobree, Margot, Margot’s History, Skript
  • Lobree, Margot, Korrespondenz mit Till Lieberz-Groß 2017-2018

Fotos:

  • Friedhofsverwaltung, Jüdische Gemeinde Frankfurt
  • Lieberz-Groß, Till
  • Lobree, Margot

Text und Recherche:
Till Lieberz-Groß

Margot Lobree, geb. Hirschmann

„I was one of the Kinder who never saw her mother again”

Von Till Lieberz-Groß

Margot Hirschmann wird im April 1939 mit einem Kindertransport nach England/UK gerettet. Nach dem Tod des Vaters, Lazarus Hirschmann, 1938 liegt die Sorge für die zwei Kinder allein bei der Mutter. Hedwig Hirschmann setzt alles daran, wenigstens die knapp vierzehnjährige Margot und deren drei Jahre älteren Bruder Helmut Martin zu retten.

Hedwig selbst wird die Emigration nicht schaffen. Hedwig Hirschmann wird 1942 nach Izbica deportiert – von ihrer letzten Frankfurter Wohnung im Haus Am Tiergarten 28.

Ein schwerer Abschied und eine verlorene Kindheit

Margot Hirschmann wird am 25. September 1925 in Frankfurt geboren. Sie verliert früh ihren Vater, Lazarus Hirschmann. Die Mutter, Hedwig Hirschmann, ist nun alleine für ihre beiden Kinder verantwortlich.

Margots 1922 geborener Bruder wird nur sechs Wochen vor Margots Reise nach England von der Mutter nach Palästina geschickt. Aus Helmut Martin wird Uri; er wird sein Leben lang in Israel wohnen. Die Geschwister werden sich erst 25 Jahre später wiedersehen. Ihre Mutter, Hedwig Hirschmann, werden sie nie wiedersehen.

I was deprived of a good education and growing up under normal circumstances. I was deprived of learning who I am and how to be an adult in a safe environment. I had to figure out what was right and what was wrong. If I did wrong, there was no one to help me. In other words, I was deprived of a childhood. (Margot Lobree in ihren biografischen Aufzeichnungen)

Familie Hirschmann – eine Frankfurter Familie

Margot zieht mit ihren Eltern häufig um, bleibt aber immer in Frankfurt-Bockenheim. Als Kleinkind wohnt sie mit ihren Eltern in der Juliusstraße; sie ziehen aber vor dem Schuleintritt von Margot in die Falkstraße, noch näher zu ihrer Grundschule, der Sophienschule, die sie aber nicht bis zum Ende ihrer Grundschulzeit besuchen wird. Sie wechselt gezwungenermaßen Ende 1933/Anfang 1934 an die Samson-Raphael-Hirsch-Schule/Israelitische Volksschule am Zoo (Ostend). Jüdische Kinder sind in den öffentlichen Schulen nicht mehr erwünscht. Schon 1932 zieht die Familie an den Rohmer Platz 27.

1935 sieht sich Margots Vater gezwungen, sein Geschäft aufzugeben, die Firma M. & L. Hirschmann, Papier- und Schreibwarenhandlung engros, die Lazarus Hirschmann seit 1919 zusammen mit seinem Bruder Markus Hirschmann betreibt. Die Familie kann sich nun die Vier-Zimmer-Wohnung nicht mehr leisten und zieht in eine Ein-Zimmer-Wohnung in die Moltkeallee 96 (heute Hamburger Allee). Es sollte die letzte Adresse von Lazarus Hirschmann sein.

Erst nachdem die Familie Hirschmann die Eltern von Hedwig aufnehmen musste, weil diese aus Hochweisel vertrieben worden waren, können sie eine etwas größere Wohnung in der Moltkeallee 104 beziehen.

Die Eltern Margots

Die Mutter Hedwig Hirschmann, geb. Scheuer, wird 1894 in Hochweisel geboren (heute Stadtteil von Butzbach im Wetteraukreis). Sie besucht das Mädchen-Lyzeum und anschließend die Handelsschule in Friedberg. Anschließend arbeitet sie eine Zeit lang bei ihrem Vater als Verkäuferin in dessen Fleischerei-Geschäft. 1921 heiratet sie Lazarus Hirschmann.

Lazarus Hirschmann wird 1889 in Ober-Roden (heute Stadtteil von Rödermark im Kreis Offenbach) geboren. Er besucht die Volksschule und anschließend die Handelsschule und arbeitet dann im väterlichen Textilwaren-Geschäft in Ober-Roden. Lazarus Hirschmann geht nach Frankfurt und arbeitet dort bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges.

Er ist von 1914 bis 1917 Soldat an der Westfront, bis ihn eine Gasvergiftung für längere Zeit schwer erkranken lässt. 1919, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, baut Lazarus Hirschmann zusammen mit seinem Bruder Markus eine Papier- und Schreibwaren-Großhandlung an der Großen Friedberger Straße auf.

Nach ihrer Heirat arbeitet Hedwig Hirschmann im Geschäft als Buchhalterin. Auch ihre Schwägerin Selma Hirschmann arbeitet neben fünf weiteren Angestellten in der Firma. Das Geschäft läuft gut; die Firma leistete sich einen Lieferwagen und ein Privatauto mit Chauffeur.

Ab 1933 aber leidet das Geschäft massiv unter den Drangsalierungen der Nationalsozialisten und muss im November 1935 aufgegeben werden. Lazarus Hirschmann versucht seine Familie mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser zu halten; seine Frau Hedwig versucht, mit Wäsche-Ausbesserungsarbeiten das Familieneinkommen aufzustocken. Lazarus Hirschmann stirbt im Januar 1938; Margot ist zwölf Jahre alt.

Rettung der Kinder

Die Lage für die jüdische Bevölkerung verschärft sich kontinuierlich durch die nationalsozialistischen Gesetze und auf Hedwig Hirschmann lastet nach dem frühen Tod ihres Mannes die alleinige Verantwortung für ihre Kinder. Nach dem Novemberpogrom 1938 beschließt sie, ihre Kinder Helmut Martin (*1922) und Margot (*1925) in Sicherheit zu bringen: Helmut geht nach Palästina und wenige Wochen später verlässt Margot im April 1939 Frankfurt mit einem Kindertransport nach England/UK; Helmut ist siebzehn, Margot noch keine vierzehn Jahre alt.

Margot versteht erst als Erwachsene, welche übermenschliche Kraftanstrengung ihre Mutter für die Trennung von den Kindern aufbringen musste … I could understand the heartbreak my mother must have gone through … She missed seeing her children as responsible adults and being a grandmother. The love she must have had for me and my brother to send both of us away within six weeks of each other to make sure that we would be save, that our lives would be spared is indescribable. Her strength was tremendous knowing that she might never see either one of us again. (Margot Lobree in ihren biografischen Aufzeichnungen)

Erfahrungen in England

Margots „Garanten” für die Überfahrt nach England sind Herr und Frau Kaplan aus London, bei denen sie bis Ende 1939 wohnt. Margot lernt Englisch, war sie doch ohne jede Sprachkenntnis in England angekommen bis sie in der Lage ist, eine Schule zu besuchen.

Der inzwischen begonnene Zweite Weltkrieg und der sog. „Blitz“, wie die Briten den Bombenkrieg gegen das Vereinigte Königreich nannten, veranlasst die Familie Kaplan, London zu verlassen, allerdings ohne das Hausmädchen und Margot, die in London zurückbleiben. Das illustriert die Haltung der Familie zu Margot, die permanent daran erinnert wird, dass sie als Flüchtling dankbar für die Aufnahme zu sein habe und im Übrigen als billige Arbeitskraft und Hilfe des Hausmädchens ausgenutzt wird.

Das lang erwartete Visum für die Übersiedlung zu Verwandten in den USA verfällt unter den Kriegsbedingungen und das Rettungskomitee Bloomsbury House evakuiert Margot in eine Internatsschule nach Epsom/Surrey. Margot bleibt dort aber nur von Dezember 1939 bis Januar 1940, weil die Familie Kaplan kein Schulgeld mehr für sie zahlt.

Margot wird für zwei Jahre in einem Flüchtlingsheim in Rusthall, in der Nähe von Tunbridge Wells untergebracht, wo sie auch Unterricht bekommt. Ab ihrem 15. Lebensjahr arbeitet Margot neben dem Schulunterricht in einer Schneiderei in Tunbridge Wells. Im April 1942 – Margot ist nun sechzehneinhalb Jahre – zieht sie mit einer Freundin zurück nach London, wo sie eine Stelle in einer Kleiderfabrik findet, in der sie bis zu ihrer Emigration in die USA arbeitet.

Die Freundinnen wohnen zu Beginn ihrer gemeinsamen Londoner Zeit in einem als unerträglich empfundenen Hostel und ziehen deshalb nach kurzer Zeit mit Erlaubnis des Komitees Bloomsbury House in eine kleine möblierte Wohnung in London NW2. Sie arbeiten für wenig Geld, alles ist rationiert, aber sie erfreuen sich trotz ihrer sehr eingeschränkten Möglichkeiten ihres jungen Lebens.

Erst spät lässt Margot die Erkenntnis zu, wie schwierig es für sie war, dass sie sich ganz alleine ein Leben ohne ihre Familie aufbauen musste, ohne Mutter, ohne Bruder. Ihren Bruder trifft sie erst 25 Jahre später wieder; mit ihm wird sie 1996 auf Einladung der Stadt ihre alte Heimat Frankfurt besuchen.

Ihre Mutter wird sie nie wiedersehen: Hedwig Hirschmann wird am 24. Mai 1942 von Frankfurt aus nach Izbica deportiert und dort aller Wahrscheinlichkeit nach ermordet; genauere Daten fehlen bis heute.

Gedenkstein für Hedwig Hirschmann an der Gedenkmauer des alten Friedhofes in der Battonnstraße/Börneplatz in Frankfurt

Emigration in die USA

Im April 1944 kann Margot endlich mit dem zweiten Visum auf der H.M.S. Britannic auf stürmischer See in die USA ausreisen. Ermöglicht wird ihr die Emigration durch ihre Tante Sophie Meyer, geb. Hirschmann. Margot wird von ihren Verwandten aufgenommen und wohnt mit ihnen bis zu ihrer Heirat 1948 in New York. Margot bildet sich neben ihrer Arbeit in Steno und Schreibmaschine weiter.

„Don’t underestimate the power of the pen“

Schon in England beginnt eine schier unglaubliche Romanze als eine über achtjährige Brieffreundschaft, die in Zeiten vor Facebook ohne Dates oder wenigstens Telefonate auskommen muss. Und dennoch: David was the best thing that ever happened to me, schreibt Margot nach vielen erfüllten Ehejahren (Margot Lobree in ihrer Korrespondenz mit Till Lieberz-Groß vom April 2018; dort auch das Zitat in der Überschrift des Absatzes).

David Lobree lebte in San Francisco, Margot zunächst noch in London. Sie treffen sich zum ersten Mal im August 1948, nachdem die in San Francisco lebenden Brüder ihrer Mutter die Schiffspassage von New York nach San Francisco bezahlt haben; nach zwölf Jahren wollen sie unbedingt ihre Nichte Margot wiedersehen. I don’t know if I fell in love with the beautiful San Francisco skyline or the guy driving the car, but two days later he proposed, I said yes, and never looked back. (Margot Lobree in ihrer Korrespondenz mit Till Lieberz-Groß vom April 2018)

Margot kehrt nach drei Wochen nach New York zurück, um den Job zu kündigen und sich von den Verwandten in New York zu verabschieden – und ist bereits am 16. Oktober 1948 zurück in San Francisco. Kurz entschlossen fahren Margot und David bereits am nächsten Tag nach Reno, um zu heiraten: Am Morgen des 17. Oktober 1948 erhalten sie die Heiratslizenz und werden am Nachmittag von einem Rabbi getraut. $ 35 für eine Blitz-Heirat!

Nach ihrer Hochzeit mit C. David Lobree lebt Margot mit ihrem Mann in San Francisco. 1955 zieht die durch Sohn Lindsey D. (*1953) ergänzte Familie nach Redwood City in Kalifornien. Komplettiert wird die Familie 1958 durch den zweiten Sohn Bruce A. Lobree.

Margot hat nun die Familie, die ihr all die Jahre gefehlt hat und sie lebt über 55 Jahre in einer glücklichen Ehe, geliebt von ihren Söhnen Lindsey mit Frau Regina und Bruce mit Frau Rosy und zwei outstanding grandsons.

Gemälde: Margot’s History. Foto: Margot Lobree