Geschwister Israel

DIE ELTERN WOLLTEN NIE WIEDER NACH DEUTSCHLAND

von Renate Rauch

Noch heute sieht Miriam Sklar die Synagoge am Börneplatz brennen.

Sie stand als Dreijährige mit ihrem Vater, Walter Israel, auf dem Balkon ihrer Wohnung, als die Synagoge im November 1938 vor ihren Augen in Flammen aufging.
Sie und ihre Familie wohnten im Wohn- und Geschäftshaus der Großeltern Rokowsky im Ostend, in der Strasse „Am Schwimmbad“, die es heute nicht mehr gibt. Dort war auch die koschere Bäckerei Rokowsky, wo die Erwachsenen arbeiteten.
Schweren Herzens entschlossen sich die Eltern nach dem Novemberpogrom, mit ihren beiden Kindern, Ruth und Miriam, Frankfurt zu verlassen. Sie hatten Verwandte in London, die für sie bürgten, so dass sie dorthin flüchten konnten. Auch die Großeltern mütterlicherseits wanderten mit ihnen aus.

Die väterlichen Großeltern, Salomon und Bertha Israel, wurden mit Tante Irmgard nach Theresienstadt deportiert und überlebten den Holocaust wie viele andere Verwandte nicht.
Weder die Eltern, Walter und Frieda Israel, noch Miriam wollten jemals wieder nach Frankfurt kommen, auch nicht auf Einladung der Stadt. Miriam änderte 2012 ihre Meinung und nahm gemeinsam mit ihren jüngeren Brüdern Henry und Michael am Besuchsprogramm der Stadt Frankfurt teil.

Miriam Sklar, geb. Israel, 1935 in Frankfurt geboren, sitzt am 1. Juni 2012 mit ihren beiden Brüdern Henry und Michael Israel als Zeitzeugin vor einer Geschichtsklasse im Gagern-Gymnasium. Die Geschwister berichten abwechselnd über ihr Leben, beantworten Fragen der Schülerinnen und Schüler und stellen auch hin und wieder selbst Fragen.
Die Eltern waren im Dezember 1938 mit den beiden in Frankfurt geborenen Töchtern Ruth (1933) und Miriam (1935) nach England ausgewandert. Henry wurde im November 1939 in London geboren, Michael 1950.

Aus Korrespondenzen mit Michael und Henry Israel sowie aus Familiendokumenten, die die Geschwister mitbrachten, ist zu entnehmen, dass es noch weitere Geschwister gibt: die in London geborenen Schwestern Eli (1947) und Judy (1949).
Miriam und Michael wohnen heute noch in London, während Henry Israel inzwischen in Israel lebt.

Ihre Eltern, Frieda Israel, geborene Rokowski und Walter Israel, wurden beide in Frankfurt geboren. Vor der Emigration wohnte die Familie im Wohn- und Geschäftshaus in der Straße Am Schwimmbad 9 im Ostend. Heute gibt es das Haus nicht mehr. Auch die Straße findet man auf dem heutigen Stadtplan nicht mehr. Sie befand sich zwischen der Batton- und Allerheiligenstrasse hinter dem alten jüdischen Friedhof. Die Großeltern Rokowski hatten hier eine koschere Bäckerei, in der auch Walter und Frieda Israel arbeiteten. Beide Eltern hatten die Samson-Raphael-Hirsch-Schule am Zoo besucht. Damals befand sich direkt daneben das Kaiser-Friedrich-Gymnasium (ab 1888), das heute Heinrich-von-Gagern-Gymnasium heißt. Die Hirsch-Realschule befand sich dort, wo heute der Neubau des Gymnasiums steht.

Die Familie des Vaters gehörte zur Gemeinde der Börneplatz-Synagoge, die der Mutter zur Gemeinde der Synagoge in der Friedberger Anlage.
Miriam hat kaum Erinnerungen an ihre Kindheit in Frankfurt, da sie schon mit dreieinhalb Jahren mit den Eltern und den mütterlichen Großeltern nach London zog. Vieles weiß sie nur aus Erzählungen der Eltern oder Großeltern. So hörte sie beispielsweise, dass ihre langjährige Haushaltshilfe die Familie verließ, weil ihr Freund Nazi war und ihr nicht erlaubte, länger bei „den Juden“ zu arbeiten. Miriam hat nie vergessen, wie ihr Vater sie während des Novemberpogroms 1938 mit auf den Balkon ihrer Wohnung nahm und sie voller Entsetzen auf die brennende Synagoge schauten. Dieses Bild habe sich bei ihr für immer eingeprägt.

Miriam stellt die Frage, wie so etwas passieren konnte, wo doch beide Großväter im Ersten Weltkrieg für ihr Vaterland Deutschland gekämpft hatten. Sie reicht Fotos ihrer Großväter in der Klasse herum, die sie in der Uniform des Ersten Weltkriegs zeigen und erzählt, dass die jüdischen Männer oft an die vorderste Front geschickt wurden. Bei ihrem Großvater Rokowski hätten sie aber eine Ausnahme gemacht, weil er als Bäcker in den hinteren Reihen gebraucht wurde. Deshalb habe er überlebt, während ihr Onkel Salomon an der Front fiel.
Nach der sogenannten „Kristallnacht“ gelang es den Eltern, mit den Kindern Ruth und Miriam sowie den Großeltern Rokowski nach England auszuwandern, weil sie dort „Sponsors“ hatten, Verwandte, die sie unterstützten. Aber viele Mitglieder der Familie Israel wurden deportiert und ermordet, so zwei Brüder des Vaters, eine Schwester und die väterlichen Großeltern.

Salomon/Sali und Bertha Israel und deren Tochter Irmgard wurden am 15. September 1942 nach Theresienstadt deportiert. Sali starb dort am 23. April 1943. Bertha und Irmgard Israel wurden am 16. Mai 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz verschleppt. Dort wurde Bertha Israel ermordet. Ihre Tochter Irmgard kam im Vernichtungslager Stutthof zu Tode (Bundesarchiv Gedenkbuch).
Auch mehrere Geschwister von Sali Israel wurden Opfer des Holocaust. Die Geschwister Max und Anna wurden aus Frankfurt deportiert und ermordet, Max am 25. November 1941 in Kowno, Annas Todesort ist unbekannt (Bundesarchiv Gedenkbuch).
Salis Bruder Sander/Siegfried wurde 1938 nach Buchenwald deportiert und starb dort im Dezember 1938. Seine Frau Helene wurde 1942 von Frankfurt nach Theresienstadt und von dort nach Treblinka deportiert (Gedenkbuch Bundesarchiv). Weitere Geschwister wurden mit ihren Familien aus Kassel und Darmstadt verschleppt.

Schwierig waren die ersten Jahre in der neuen Heimat, in England. Die Israels hatten zwar für den „Lift“, den Umzug ihrer Habe, bezahlt, aber, wie nicht selten, kam das Umzugsgut nicht in London an. Sie mussten also auf vielfache Weise von vorne anfangen. Mutter und Großmutter ernährten zunächst mit einer Art Heimbäckerei die Familie.

Die Eltern lernten zwar Englisch, um sich in ihrer neuen Umgebung zurechtzufinden, sprachen aber mit den Kindern in den ersten Jahren nach der Emigration Deutsch. Miriam antwortete jedoch aus Prinzip in Englisch. Als Kind und als junges Mädchen arbeitete sie zunächst zu Hause mit, später lernte sie „Dressmaking“, gründete dann eine Familie und arbeitete als Sekretärin.

2012: Die Geschwister Israel sprechen mit Jugendlichen im Gagern-Gymnasium

Die Eltern Israel wollten nie wieder nach Frankfurt fahren, auch nicht auf Einladung der Stadt. Auch Miriam wollte ursprünglich nicht kommen. Jetzt, mit ihren Brüdern zusammen, hat sie sich doch entschlossen, ihren Geburtsort und den Ort ihrer Vorfahren zu besuchen.

Für Miriam, Henry und Michael Israel ist es der erste gemeinsame Besuch in der früheren Heimat.
Sie haben sich zu einem Gespräch mit Schülerinnen und Schülern bereit erklärt. Da die Eltern der drei Geschwister die Samson-Raphael-Hirsch-Schule besucht haben, bot ihnen die Projektgruppe „Jüdisches Leben in Frankfurt“ die Möglichkeit, im Gagern-Gymnasium zu sprechen. Die Schule trägt viel zur Erinnerung an die Hirsch-Realschule bei, denn das Gelände der früheren jüdischen Schule ist heute Teil des Gymnasiums.

Gefragt nach ihren Gefühlen bei ihrem Besuch in Frankfurt sagt Henry, er sei nicht emotional berührt. Es sei kein „guilt trip“, betont er. Sie seien überall herzlich aufgenommen worden. Miriam findet den jüdischen Friedhof in Wien, den sie vor 14 Jahren gesehen hat, eindrucksvoller, aber sie habe in Wien viel mehr Antisemitismus gespürt: „Die Menschen sind uns aus dem Weg gegangen, wenn sie erfahren haben, dass wir jüdisch sind.“ In England gäbe es allerdings auch Antisemitismus, vor allem bei den Muslimen und bei Intellektuellen. Michael plädiert in diesem Zusammenhang für Toleranz.
Bei dem Gespräch in der Schule ist auch die Mutter eines Schülers anwesend. Sie fragt, ob die Geschwister religiös seien, weil einer der Brüder die Kippa trüge. Mit der Kippa wolle er seine religiöse Identität demonstrieren, sagt er. Vor dem Holocaust hätten jüdische Männer keine Kippa getragen, lediglich in der Synagoge, nur um nicht aufzufallen. Heute hätten sie keine Angst mehr, die Kippa zu tragen.

Die Geschwister Israel möchten auch etwas von den Schülerinnen und Schülern wissen. So fragt Michael Israel, ob jemand mit den Eltern oder Großeltern über den Zweiten Weltkrieg gesprochen habe. Die Jugendlichen schweigen, vielleicht trauen sie sich nicht, die Fragen zu beantworten. Die Israels möchten auch wissen, wie die Jugendlichen über die Aktivitäten von Neonazi-Gruppen denken. Diese seien eher in Ostdeutschland aktiv, antworten die Schülerinnen und Schüler. Ob die Klasse schon in einer KZ-Gedenkstätte war, interessiert die Geschwister. Eine Fahrt nach Buchenwald sei im kommenden Jahr vorgesehen, informiert die anwesende Geschichtslehrerin, Hannelore Ochs. Für die Schülerinnen und Schüler sei die Diskrepanz zwischen der Gedenkstätte und der Stadt Weimar immer sehr hart.

Eine weitere Lehrerin fragt die Geschwister Israel/Sklar nach ihrer Einschätzung im Hinblick auf eine Lösung im Israel-Palästina-Konflikt. Henry Israel meint dazu: „There is no solution in the near future. The schoolbooks in Palestine picture Israelis as enemies and perpetuate hate. Negative propaganda is the problem. It will take at least two generations to overcome that attitude.” Und er ergänzt: „Israel is a normal country.“
Der Empfang in der Schule und das Gespräch mit den Jugendlichen haben für die Geschwister Israel eine große Bedeutung.

“We were most impressed with their (the students’) quality, their understanding of the subject, their English (!) and their openness & friendliness. The headboy and headgirl were amazing and a great advertisement for the school. Their teacher and also their headteacher too, are wonderful and impressive leaders. If I could turn the clock back and go to school again, she would be the teacher I would like to be taught by! I forgot to add thanks to the Headmaster and others for the lovely reception they gave us after the visit and for being so thoughtful to provide us with all kosher products. This was really much appreciated by us all.”

Spurensuche

Die Israels blicken stolz auf eine lange Reihe von Vorfahren in Deutschland. Vor allem Henry beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Familienforschung. Mit Hilfe von Hans-Peter Klein, einem Forscher der jüdischen Geschichte Nordhessens, hat er einen Stammbaum erstellt, der den Rahmen dieser Dokumentation sprengen würde. Hier einige Auszüge:

Der Stammvater war Salomon Heinemann und lebte von 1710 bis 1780 in Zierenberg.
Ab der zweiten Generation nannten sich die Zierenberger Heinemanns Israel. Ab der vierten Generation, also ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, zogen viele der Nachkommen in größere Städte wie Kassel oder Frankfurt oder nach Göttingen, Hildesheim, Darmstadt.
Der erste Israel, der in Frankfurt geboren wurde, war Arthur Israel, der erste Sohn von Salomon/Sali und Rosa Israel. Er wurde am 14. April 1903 in Frankfurt geboren. Ihm folgten drei Geschwister: Walter, 1905, der Vater von Miriam, Henry und Michael Israel, Toni, 1907, und Harry, 1922. Nachdem Rosa Israel 1923 starb, heiratete Salomon/Sali Israel in zweiter Ehe Bertha Goldschmidt aus Felsberg. Sie hatten zusammen noch zwei weitere Kinder: Selma Ilse, geb. 1925, und Irmgard, geb. 1928.

Bei ihrem gemeinsamen Besuch in Frankfurt setzten die Geschwister ihre Spurensuche fort, erhielten neue Informationen und erreichten, dass für ihren Onkel Harry, über dessen Schicksal bislang nichts bekannt war, eine Plakette an der Gedenkstätte am Börneplatz ergänzt wird.
Obwohl Miriam anfangs sehr unsicher war, ob sie die Einladung der Stadt annehmen sollte, waren alle drei Geschwister glücklich, dass sie gemeinsam den Spuren ihrer Vorfahren in Frankfurt und in Nordhessen nachgegangen waren und mit Jugendlichen in Frankfurt gesprochen hatten.
“This was a remarkable trip and also brought us into contact with other lovely ex-Frankfurters. Thank you for the opportunity!”

KURZBIOGRAPHIE

Name:
Miriam Sklar, geb. Israel; 1935 in Frankfurt geboren; Miriam lebt in England und Israel.

Teilnahme am Besuchsprogramm: 2012

Henry Israel, 1939 in London geboren; lebt heute in Israel.

Michael Israel, 1950 in London geboren, lebt heute in England.

Emigration:
Miriam emigrierte mit ihren Eltern Walter und Frieda Israel und ihrer Schwester Ruth, geb. 1933, nach dem Novemberpogrom 1938 nach London

Die Eltern:
Walter, geb. 1905, und Frieda Israel, geb. Rokowsky, geb. 1907

Die Großeltern:
Bertha und Salomon Rokowsky hatten ihre Wohnung und eine koschere Bäckerei in ihrem Haus im Ostend, Am Schwimmbad 9.


Quellen:
Gespräch im Heinrich-von-Gagern-Gymnasium am 01.06.2012

Bundesarchiv Onlinegedenkbuch und Frankfurter Deportiertendatenbank

Korrespondenz mit Miriam Sklar, Henry und Michael Israel

Bericht über die Zeitzeugenbesuche im Heinrich-von-Gagern-Gymnasium auf der Homepage der Schule

Fotos:
Familie Israel, Angelika Rieber, Heinrich-von-Gagern-Gymnasium

Text:
Renate Rauch