KURZBIOGRAPHIE

Dr. Pierre Adler
Urenkel von Recha Koref
Großneffe von Dr. Leo Koref,
mit Ehefrau Ruth und
den beiden Töchtern Corinne und Marion
Teilnahme am Besuchsprogramm 2016

Recha Koref, geb. Fleischhauer

  • geb. 10.4. 1854 in Halberstadt
  • Witwe des Provinzialrabbiners Dr. Mordechai Koref
  • Mutter von 8 Kindern

Verfolgung

  • Erzwungener Umzug von Hanau nach Frankfurt November 1938
  • Letzte Wohnadresse: Jüdisches Altersheim, Wöhlerstraße 6
  • deportiert nach Theresienstadt am 18.8.1942
  • gestorben am 1.9.1942 in Theresienstadt.

Dr. Leo Koref

  • geb. 30.1.1876 in Rawitsch, damalige preußische Provinz Posen.
  • Sohn von Recha und Dr. Mordechai Koref.
  • Rechtsanwalt und Notar in Hanau

Verfolgung

  • Erzwungener Umzug nach Frankfurt in Folge des Novemberpogroms 1938.
  • Letzte Wohnadresse in Frankfurt: Westendstraße 98
  • deportiert nach Theresienstadt am 18.8.1942
  • gestorben in Theresienstadt am 17.10.1942

Stolpersteinverlegung für Recha und Dr. Leo Koref vor dem Haus Westendstraße 98 am 20. Mai 2016


Quellen:

  • Hessisches Hauptstaatsarchiv, Wiesbaden
  • Martin Hoppe und Monika Rademacher, Eine bedeutende Fotoschenkung – Dr. Leo Koref im Bild. In: Neues Magazin für Hanauische Geschichte von 2012
  • Edmund Hadra Collection, Erinnerungen an Theresienstadt, in: Neues Magazin für Hanauer Geschichte 2012
  • Onlinegedenkbuch Bundesarchiv
  • Frankfurter Deportiertendatenbank
  • Hanau Online-Nachrichten; Dr. Leo Koref im Bild, Schenkung an den Hanauer Geschichtsverein 1844 e.V.
  • Dr. Wolf Jöckel, Von Frankfurt nach Paris und zurück: Die Stolpersteine in der Westendstraße
  • Doris Stein, Interview mit Dr. Pierre Adler, 9.6.2015, Paris

Fotos:

  • Privatbesitz der Familie Dr. Adler
  • Hessisches Hauptstaatsarchiv, Wiesbaden
  • Hanauer Geschichtsverein 1844 e.V.
  • Dr. Wolf Jöckel
  • Doris Stein

Text und Recherche:
Doris Stein

Recha und Leo Koref

„Die beiden Namen, Recha und Dr. Leo Koref, auf der Gedenktafel an der Mauer in Frankfurt zu finden, das hat mich sehr bewegt“

Von Doris Stein

Am 20. Mai 2016 wurden vor dem Haus Westendstraße 98 zwei Stolpersteine gelegt für Recha Koref und ihren Sohn Dr. Leo Koref. Dass das ihre letzte Adresse sein würde, hatten die beiden nicht vorhersehen können. Sie hatten den größten Teil ihres Lebens in Hanau verbracht. In Hanau war auch ihr letzter freiwilliger Wohnsitz.

Dr. Pierre Adler, der in Paris lebende Urenkel von Recha Koref, kam als Teilnehmer des Besuchsprogramms 2016 nach Frankfurt und konnte – zusammen mit seiner Frau Ruth und den Töchtern Corinne und Marion – bei der Stolpersteinverlegung für seine Urgroßmutter und seinen Großonkel dabei sein.

Da nach der starken Zerstörung Hanaus im Zweiten Weltkrieg der Zuschnitt der Grundstücke in der Hanauer Kernstadt radikal verändert wurde und die alten Wohnadressen deshalb kaum noch wirklich zuzuordnen sind, entschied sich die Stadt Hanau anstelle von Stolpersteinen für eine Gedenkstätte an der alten Ghetto-Mauer, auf der alle 270 ermordeten Bürger der Stadt genannt werden, auch Recha und Leo Koref.

Eine große Rabbinerfamilie in Hanau

Recha Fleischhauer wurde am 10.04.1854 in Halberstadt geboren. Sie heiratete den Rabbiner Dr. Mordechai/Markus Koref, den Spross einer sehr alten Rabbinerfamilie, und zog mit ihm nach Rawitsch, damals in der preußischen Provinz Posen lag. Fünf Kinder wurden hier geboren: Leo, Henriette, Rosa, Lea und Felix. 1884 übernahm ihr Mann eine Stelle als Provinzialrabbiner in Hanau. Die siebenköpfige Familie zog in die Hanauer Dienstwohnung in die Judengasse 56. Hier gebar Recha noch die Kinder Fritz, Curt und Else.

Am 19.2.1900 starb Dr. Mordechai/Markus Koref, sein Grabmal steht auf dem Hanauer jüdischen Friedhof: Sein Urenkel Dr. Pierre Adler, dessen Frau Ruth und die beiden Töchter Corinne und Marion besuchten den Friedhof 2016. Das Grabmal fällt durch seine exponierte Größe und Lage auf und unterstreicht damit die besondere Stellung der Korefs in Hanau. Die segnende Hände auf dem Grabstein symbolisieren das Rabbineramt des Verstorbenen.

Nach dem Tod ihres Mannes am 19.2.1900 wurde der älteste Sohn Leo die wichtigste Stütze Rechas. Der jüngste Sohn Curt galt seit Ende des 1. Weltkriegs als verschollen; Lea, Else und Felix starben 1932 bzw. 1933. Henriette, Rosa und Fritz konnten rechtzeitig emigrieren. Sie flüchteten in das US-amerikanische, schweizerische und französische Exil bzw. nach Palästina.

Leo

Leo wurde am 30 Januar 1876 geboren. Mit sechs Jahren erkrankte er an Kinderlähmung, die eine bleibende Beinlähmung und Gehbehinderung zur Folge hatte. Er konnte sich fortan nur mit Gehhilfen oder in einem Rollstuhl bewegen. Leo verfügte aber offensichtlich über sehr viel Energie und Lebenslust. Er besuchte die Hohe Landesschule, die er 1894 mit dem Reifezeugnis abschloss. Er studierte in Berlin, München und Marburg Jura und wurde nach der ersten Staatsprüfung promoviert.

Ab 1903 arbeitete er als Rechtsanwalt beim Landgericht Hanau und wurde 1920 zum Notar ernannt. Er beschäftigte in seiner Praxis am Marktplatz 16 den Rechtsanwalt Max Moritz als Mitarbeiter, war Mitglied des israelitischen Vorsteheramtes in Hanau, veröffentlichte diverse Artikel, zum Beispiel einen „Überblick über die Geschichte der Juden in Hanau“ (1910) oder über das „Geldentwertungsgesetz und die freien Berufe“ (1923).

Welch große Energieleistung sich hinter diesem erfolgreichen Lebenslauf verbirgt, wird aus den Erinnerungen des tschechischen Arztes Dr. Edmund Hadra, den Leo Koref im Konzentrationslager Theresienstadt traf, erfahrbar: Der junge Leo sei wegen seiner Kinderlähmung nicht nur im Wachstum zurückgeblieben, sondern sei zunächst auch nicht in der Lage gewesen, die Schule zu besuchen. Sein Vater habe ihn zu Hause unterrichtet – aufgrund der Begabung des Jungen auch in Latein und allen humanistischen Disziplinen. So habe er schließlich – auf einem Rollstuhl gefahren und dann getragen – das humanistische Gymnasium absolvieren können, sogar als einer der besten Schüler. „Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, sogar als primus omnium“, schreibt Dr. Hadra.

Während des anschließenden Jurastudiums habe der Vater, der sich in beträchtlichen finanziellen Schwierigkeiten befand und eine große Familie zu ernähren hatte, seinen Sohn nicht unterstützen können. Er habe ihm am Beginn des Studiums 200 Mark gegeben mit der Aufforderung: „Sieh zu, wie weit du damit reichst; du weißt ja, ich habe nicht viel. Aber wenn du etwas brauchst, so schreibe eben.“ Leo habe von diesem Angebot aber nie Gebrauch gemacht, im Gegenteil: Nach dem ersten Semester habe er dem Vater die 200 Mark zurückgegeben: Durch Nachhilfestunden verdiene er das für das Studium erforderliche Geld.

Dr. Hadra berichtet auch von den Reisen, die Dr. Koref trotz seiner massiven Behinderung unternommen hatte: In die Schweiz, nach Italien, ja selbst in die USA! „Es war der Triumph des Geistes, des Willens, dem gegenüber es keinerlei Schwierigkeiten gibt.“

Einen ähnlich wertschätzenden Blick auf Dr. Leo Koref hat der ehemalige Hanauer Kulturstadtrat Oskar Schenk, der Dr. Koref als einen ausgesprochen angesehenen „begabten und gewissenhaften“ Juristen würdigt, der sich „durch seine Aufgeschlossenheit, sein faires Verhalten sowie seine Menschenfreundlichkeit eine ansehnliche Praxis geschaffen“ habe. „Seine Klienten waren gut bei ihm aufgehoben. Er widmete sich ihnen auch dann mit aller Kraft, wenn sie nicht in der Lage waren, die ihm zustehenden Anwaltsgebühren zu zahlen. Er war ein guter Mensch im wahrsten Sinne des Wortes und hat im Stillen so Manchem eine Unterstützung in Geld zuteil werden lassen. Bekannt war in Juristenkreisen, dass er so manches Mal in schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen lebende Referendare zum Mittagessen in den damaligen Bürgerverein eingeladen hat. Bei den Hanauer Richtern erfreute er sich wegen seiner ausgezeichneten Schriftsätze und seines taktvollen honorigen Verhaltens in Prozessen großer Achtung und Wertschätzung.

Leo Koref lebte mit seiner verwitweten Mutter Recha in Hanau, in der Corniceliusstraße 12 im ersten Stock. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann die Entrechtung und Verfolgung der Familie Koref. Das Leben von Recha und Leo änderte sich grundsätzlich.

Bereits am 7. Juni 1933 wurde er aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ aus seinem Amt als Notar entlassen. Am 30 November 1938 verlor er seine Zulassung als Rechtsanwalt. Vom November 1938 bis zum 31.3.1939 konnte er noch in seiner Privatwohnung in der Corniceliusstraße 12 als „Rechtskonsulent“ von Juden für die Landgerichtsbezirke Hanau und Marburg tätig sein.

Die nächste Etappe auf dem Weg in die Vernichtung begann mit dem Novemberpogrom 1938: „Am 13. November 1938 drangen mehrere maskierte Nationalsozialisten in den Abendstunden in die in der ersten Etage gelegene Wohnung ein, bedrohten die Mutter mit einer Pistole, misshandelten Leo mit Faustschlägen, zerschlugen eine Flasche auf seinem Kopf, zerbrachen seine Krücken, zerstörten und plünderten die Einrichtung, stahlen Schmuck, mehrere Tausend Reichsmark und eine Schreibmaschine, zerschnitten Teppiche und Polstermöbel. Trotz sofortiger Anzeige wurden die Täter nie ermittelt.“ (Martin Hoppe und Monika Rademacher, Eine bedeutende Fotoschenkung- Dr. Leo Koref im Bild. In: Neues Magazin für Hanauische Geschichte 2012, S. 251-262. Dort sind auch die Erinnerungen von Dr. Hadra wiedergeben.)

Der Hanauer Arzt Dr. Seufert sorgte dafür, dass Leo in das jüdische Krankenhaus Frankfurt gebracht wurde. Seine Mutter Recha wurde zunächst in einem jüdischen Altersheim in Frankfurt unter-gebracht. Das Hanauer Haus in der Corniceliusstraße 12 musste verkauft werden.

Recha und Leo Koref in Frankfurt

Am 1. April 1939 zog Leo Koref in die Westendstraße 98. Sein Großneffe Dr. Pierre Adler erzählt: „Mein Großonkel lebte (in der Westendstraße) in einer Wohnung im vierten Stock. Meine Urgroßmutter in einem anderen Haus, eine halbe Stunde zu Fuß von der Wohnung ihres Sohnes entfernt. Die öffentlichen Verkehrsmittel durften Juden ja nicht mehr benutzen. Also musste sie zu Fuß gehen, um zu ihrem Sohn zu kommen. Und dann in den vierten Stock hochkrabbeln. Damals war sie 88 Jahre alt.

In Frankfurt wurde Dr. Leo Koref zum Abschluss sogenannter „Heimeinkaufverträge“ gezwungen. Mit solchen Verträgen glaubten die Unterzeichneten, ihren Lebensabend in einem Altersheim zu finanzieren. Für die Mutter musste Dr. Leo Koref einen „Heimeinkauf“ in Höhe von 3.200 Reichsmark entrichten, für sich selbst 22.831 Reichsmark „Heimeinkauf“ entrichten.

Der vormals gutsituierte und vermögende Anwalt Dr. Leo Koref musste nun in Frankfurt um jede Mark kämpfen, die er für den Lebensunterhalt seiner Mutter und von sich selbst benötigte. Er wendete sich deshalb in mehreren Briefen unter anderem an die Devisenstelle Frankfurt in der Goethestraße, an das Oberfinanzpräsidium in Kassel, an die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, Berlin. Den eingeprägten Aufdruck auf seinem Briefpapier, der neben seinem Namen und seinem Titel auch die Hanauer Telefonnummer und die Kontoverbindung anzeigte, strich er dabei durch und ergänzte handschriftlich an der Stelle von „Dr. Leo Koref“ „Israel Koref“.

Sein gesamtes Vermögen, seine Lebensversicherung, die Einnahme aus dem Hausverkauf Corniceliusstraße 12, waren „sichergestellt“, ebenso wie Rechas Sparbuch und die Rente, die ihr als Witwe des Provinzialrabbiners Dr. Markus Koref zustand. Leo beteuerte brieflich, dass er in keiner Weise beabsichtige, dem Reich sein Vermögen zu entziehen. An Flucht sei nicht zu denken. Er verwies auf das Alter seiner Mutter und die Tatsache, dass seine beiden Beine gelähmt waren. Vergeblich. Sowohl Recha als auch Leo mussten detaillierte Listen aufstellen, in denen sie ihren dringendsten Bedarf „Ausgaben für Lebensunterhalt“ anzeigten. Von der so ermittelten Summe wurde ihnen aber nur ein Teil gewährt (Hessisches Staatsarchiv, 519/3 Nr. 3667 und 3598 sowie 676/7794).

Der letzte Weg

Am 18. August 1942 wurde Dr. Leo Koref, der sich zu diesem Zeitpunkt im Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde Frankfurt in der Gagernstraße 36 befand, zusammen mit seiner 88-jährigen Mutter, die zuletzt im jüdischen Altersheim in der Wöhlerstraße 6 wohnte, bei der siebten großen Deportation in das Durchgangs- und Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Mutter und Sohn wurden sofort getrennt. Dr. Hadra erinnerte sich: „Er kam gleich in die Krankenstube und die Mutter in ein Privatquartier. Ehe es ihm noch glücken konnte, die alte Frau aufzufinden, war sie schon den Strapazen der ersten Tage in Theresienstadt erlegen. Vermutlich hatte sie es auch nicht ertragen können, auf dem nackten Fußboden, und ohne eine Decke zum Zudecken zu besitzen, die Nächte zu verbringen.

Recha Koref starb am 1. September 1942. Ihr Sohn Leo wenige Wochen später, am 17. Oktober 1942.