Ralph Penglis

Australien trifft Deutschland

von Marianne Karpf

Ralph Penglis, 1936 im Sandweg im Frankfurter Ostend als Ralf Kiefer geboren, emigrierte 1937 mit seiner Familie. Seine Eltern, seine Großmutter und er fanden Zuflucht in Australien. Ralph Penglis‘ Muttersprache ist Deutsch, denn zunächst wurde auch in Australien innerhalb der Familie weiterhin Deutsch gesprochen. Sonst aber stellt Ralph Penglis im Rückblick auf sein Leben etwas spöttisch, leicht wehmütig fest: “I am nothing what I was born – Ich bin ein anderer Mensch!“

„I am half German half Greek“

Ralph Penglis war einer der wenigen Besucher aus der ersten Generation. Er wurde 1936 im Sandweg geboren und zeigte seinen „Geburtsschein“.

Sein Geburtshaus steht nicht mehr. Das wusste Ralph schon von einem früheren Besuch in Frankfurt. Gerne hätte ich ihm ein Bild vom Sandweg aus den 30er Jahren besorgt, aber weder im Institut für Stadtgeschichte noch in irgendeinem Buch über Frankfurt habe ich ein Foto vom Sandweg vor dem Zweiten Weltkrieg gefunden.

1937 ist die gesamte Familie, Eltern, Großeltern und Tanten zu der Ansicht gelangt, es werde nicht besser in Deutschland. So haben sie beschlossen: „Wir gehen!“ Die Mitglieder der Familie sind in die USA, nach Südafrika und Australien emigriert. Weil die Großmutter kein Englisch sprach, wurde in der Familie in Australien zunächst weiter Deutsch gesprochen, so dass der kleine Ralph Deutsch als seine Muttersprache gelernt hat. Vieles davon ist verschüttet, aber ab und zu stellen sich deutsche Worte ein. Davon gab er eine Kostprobe während des Unterrichtsbesuches im Gagern-Gymnasium, als er die Schülerinnen und Schüler mit den Worten „Du musst nicht scheu sein!“ aufmunterte.

Ralphs Vater starb früh mit 25 Jahren. Seine Mutter heiratete später in Australien einen Griechen, dessen Namen (Penglis) Ralph annahm. Er veränderte auch seinen Vornamen Rolf in die englische Version Ralph. In dem Gespräch mit den Schülern sagte Ralph Penglis dazu spöttisch: „I am nothing what I was born.“ „Ich bin ein anderer Mensch.“ Wenn er als Kind gefragt wurde, was er sei, antwortete er, dass er halb deutsch, halb griechisch sei.

Für Herrn Penglis als früheren Ostendbewohner hatte die Projektgruppe das Gagern-Gymnasium vorgesehen, nicht ahnend, dass ihm nach seiner Rückkehr nach Sydney seine Tante erzählen würde, dass sie und sein Vater in den zwanziger Jahren in das Philanthropin zur Schule gegangen waren. Auch seinem Sohn berichtet Ralph von seinem eigenen Besuch in Frankfurt, woraufhin dieser seinerseits beschloss, in der Familiengeschichte zu forschen. Er hofft nun, auch in das Besuchsprogramm der Stadt aufgenommen zu werden.

Zu dem geplanten Schulbesuch von Ralph Penglis und seiner Lebensgefährtin Jeanette gesellte sich spontan an unserem Kennenlernabend im Jüdischen Museum das ebenfalls in Australien lebende Ehepaar Estelle und Max Dzienciol. Ralph Penglis hatte schon von Australien aus seine Bereitschaft signalisiert, in einer Schule zu sprechen. Das Projekt „Jüdisches Leben in Frankfurt“ lädt zu Beginn der Besuchswoche die Gäste, Schüler und Lehrer der Schulen, die die Zeitzeugen zu einem Gespräch in ihren Unterricht einladen, Stadtverordnete, Vertreter des Schulamts und des Kultusministeriums ein.

Dieser Begrüßungsabend dient nicht nur dem gegenseitigen Kennenlernen, sondern ermutigt auch diejenigen, die zunächst unsicher sind, ob sie mit Schülerinnen und Schülern sprechen möchten.

Viele Fragen und ein koscherer Imbiss: Schulbesuch im Gagern-Gymnasium

Das Gespräch im Gagern-Gymnasium fand in einer 12. Klasse statt, aber Schülerinnen und Schüler einer 9. Klasse waren so interessiert, dass sie auch teilnehmen durften. In dem Unterrichtsgespräch hatten zunächst die Zeitzeugen das Wort. Herr Penglis hatte das Familienstammbuch mitgebracht und eine Impfbescheinigung, die er herum reichte. Die Schüler hatten gemeinsam mit ihrer Lehrerin vorher Fragen entwickelt, die nun halfen, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Die Frage, ob es Unterschiede in den Erzählungen der Eltern und Großeltern über die Zeit des Nationalsozialismus gegeben habe, wurde so beantwortet, dass doch generell erst viel später über die Zeit geredet wurde. Max Dzienciol sagte, über die Geschehnisse sei von denjenigen, die eigene Erfahrungen hatten, wenig gesprochen worden, aber sie als Heranwachsende hätten einiges geahnt. Erst in den letzten 15 bis 20 Jahren werde mehr darüber gesprochen. Als Beispiel wurde Estelles Tante genannt, die ihre Geschichte aufgeschrieben hat. Damit sei eine Last von ihrem Herzen gefallen.
Gefragt nach dem Auslöser für die Emigration mutmaßte Ralph, dass Furcht seine damals gerade 17-jährige Mutter und seinen zwei Jahre älteren Vater hatte fliehen lassen. Es seien viele Dinge zusammen gekommen. Ralph wusste von seiner Mutter, dass ihr bester Freund, er war nicht jüdisch, nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte.

Die Lebensumstände während des Zweiten Weltkrieges in Australien waren wohl schwierig. Max Dzienciol erzählte sehr lebendig, sein Vater sei als polnischer Jude ein ‚friendly alien‘ und seine Mutter, eine deutsche Jüdin, eine ‚enemy alien‘ gewesen. Dabei spielte es offensichtlich keine Rolle, dass sie als Juden aus Deutschland emigriert waren. Ralph erzählte, seine Mutter habe rassistische Anwürfe im Bus erlebt, weil sie Englisch mit deutschem Akzent sprach, und dass für ihn mit deutscher Herkunft das Leben in der Schule in dieser Zeit nicht leicht gewesen sei. Eine Schülerin wollte wissen, ob es Auswirkungen der Vergangenheit auf ihr Leben geben würde. Diese Frage wurde mit einem: „Ja, gewiss“, beantwortet.
In Australien gibt es einen Shoa-Gedenktag. Viele junge aus­tralische Juden gehen nach dem Abitur nach Israel. Von dort werden Fahrten nach Auschwitz organisiert, zum Beispiel zu dem „March of The Living“. Max Dzienciol sagte, es gebe in der zweiten Generation in Australien eine starke Verbundenheit mit Europa. Die Frage, welches Land die Eltern als ihre Heimat ansahen, haben die Gäste ihren Eltern nie gestellt, aber sie wissen, dass die Eltern froh waren, in Australien in Sicherheit zu sein.

Zum Schluss fragte Jeanette die Schüler, ob sie am Abend ihren Familien von dem Unterrichtsgespräch erzählen würden.
Anschließend wurden alle Gäste im Lehrerzimmer vom Direktor begrüßt und mit einem koscheren Imbiss bewirtet. Es wurde mit koscherem Sekt angestoßen und es ergaben sich informelle Gespräche. Von den Besuchern wurde ausdrücklich später die große Gastfreundschaft des Gagern-Gymnasiums gewürdigt, insbesondere die koscheren Speisen und Getränke.

Feedback von Ralph Penglis nach dem Besuch

“When I got back to Sydney a few days ago I promptly visited my aunt who is now 82 years old and used to live in Baumweg before she and her parents left Germany.
My grandparents (Moritz and Hedwig) had a clothing business where the Konstablerwache is now located.
I have also received some photos from my aunt of Frankfurt that I didn’t know existed.
I have found that my father and aunt went to the Philantropin school around the late 20’s.
My son is very interested to search for mine and therefore his history and will probably be in touch with you.”

KURZBIOGRAFIE

Name:
Ralph Penglis

Teilnahme am Besuchsprogramm: 2012

Geburtsname:
Rolf Kiefer

geboren:
1936 in Frankfurt, Ostend, im Sandweg

emigriert:
1937 mit seiner Familie nach Australien

Eltern:
Hans und Frieda Kiefer

Großeltern (väterliche Seite):
Hedwig und Moritz Kiefer; Inhaber eines Bekleidungsgeschäfts Nähe der Konstablerwache

Vater und Tante von Ralph Penglis:
Schüler des Philantropin

Nachkommen:
Ein Sohn von Ralph Penglis lebt in Australien


Quellen:

  • Korrespondenz und Gespräch mit Ralph Penglis und Estelle Dzienciol
  • Mitschnitt des Unterrichtsgesprächs im Gagern-Gymnasium
  • Vertriebene zu Gast. Flüchtlinge und deren Kinder besuchen Frankfurt, FAZ vom 01.06.2012
  • Fotos und Dokumente: Estelle Dzienciol und Ralph Penglis
  • Fotos: Heinrich von Gagern-Gymnasium, Iris Hofmann, Angelika Rieber

Text:
Marianne Karpf