KURZBIOGRAPHIE

Name:
Elisabeth Reinhuber , geborene Calvelli-Adorno

Vater:
Franz Calvelli-Adorno: durch seine Mutter „Mischling 1. Grades“

  • 1933 in Dortmund als Richter entlassen und Umzug nach Frankfurt
  • 1938/39: Auswanderungspläne, die wegen des Kriegsbeginns scheitern
  • Überlebte den Zweiten Weltkrieg in Deutschland
  • 1945: Großmutter, Helene Calvelli-Adorno, wird nach Theresienstadt deportiert

Elisabeth Reinhuber, geb. 1925

  • Schulbesuch: Anna-Schmidt-Schule
  • 1939 zusammen mit dem Bruder mit dem Kindertransport nach England
  • 1955 Rückkehr nach Deutschland


Quellen:

  • Reinhuber-Adorno, E. (2004): „In zwei Ländern zu Hause“, in: Mainzer Geschichtsblätter, Heft 13, Hrsg: Verein für Sozialgeschichte Mainz: Mainz
  • Kilthau, F. (2002): Das Kriegsende 1945 in Zwingenberg an der Bergstraße nach Aufzeichnungen der Familie Calvelli-Adorno, in: Geschichtsblätter Kreis Bergstraße, Band 335, Verlag Larissa: Lorsch
  • Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden
  • Gespräch mit und unveröffentlichte Erinnerungen von Elisabeth Reinhuber
  • Fotos: Elisabeth Reinhuber, Karl-Heinz Pfeffel

Text:
Angelika Rieber

Elisabeth Reinhuber-Adorno

In zwei Ländern zu Hause

von Angelika Rieber

„Mischlinge“ im Sinne der Rassengesetze

Elisabeth Reinhuber-Adorno wurde 1925 in Frankfurt geboren. Sie stammt aus einer Familie mit berühmten Mitgliedern, dem Philosophen Theodor W. Adorno und dem Historiker Theodor Mommsen.
Die Eltern waren beide christlich getauft, doch durch die jüdische Großmutter väterlicherseits war sie ein „Mischling zweiten Grades“.

Nach der Machtübernahme der NSDAP 1933 wurde Elisabeths Vater Franz Calvelli-Adorno, preußischer Beamter am Landgericht Dortmund, als sogenannter „Halbjude“ sofort entlassen, weshalb er sich entschloss, wieder nach Frankfurt zu ziehen. Als Musiklehrer versuchten er und seine Frau, sich und die drei Kinder über Wasser zu halten:
Der Vater durfte nur jüdische Schüler und sogenannte „Mischlinge“ ersten und zweiten Grades unterrichten, die Mutter Helene die „arischen“.

„Es war das erste Mal, dass ich meine Mutter weinen sah“: Mit dem Kindertransport nach England

Nach dem Novemberpogrom 1938 wurde die Lebenssituation für die Familie immer schwieriger. Die Calvelli-Adornos konnten sich eine Zukunft in Deutschland nicht mehr vorstellen und bereiteten sich auf die Auswanderung vor. Franz Calvelli Adorno bemühte sich um eine Anstellung als Lehrer in einem Internat in Schottland.

Zunächst schickten die Eltern ihre zwei ältesten Kinder, Elisabeth und den ein Jahr jüngeren Bruder Ludwig, mit einem von den Quäkern organisierten Kindertransport nach England. „Es war das erste Mal, dass ich meine Mutter weinen sah“, erinnert sich Elisabeth Reinhuber.

Am 27. Juni 1939 wurde sie mit ihrem Bruder in Frankfurt in den Zug gesetzt. Die geplante eigene Ausreise gelang den Eltern nicht mehr.

In England musste Elisabeth Calvelli-Adorno wegen des Kriegsbeginns mehrfach die Familie wechseln. Sie erinnert sich an die Angst vor Bomben- und Giftgasangriffen, an die Rationierung von Lebensmitteln, an die Selbstversorgung durch den Gemüseanbau auf unbebauten Grundstücken und an eine Kampagne mit dem Slogan: „Digging for Victory“.

Elisabeth und später auch ihr Bruder wurden dann von einem kinder­losen Paar in England aufgenommen, bei dem sie sich wohl fühlten und mehrere Jahre lang blieben. Der Briefkontakt zu den Eltern riss nach Kriegsbeginn 1939 ab, doch durch Bekannte in der Schweiz und bis zum Kriegseintritt der USA Ende 1941, durch Verwandte in Amerika wusste sie, dass ihre Eltern und die kleine Schwester lebten.

„Am Bittersten der Blick, mit dem deine Mutter mich und Helene ansah“

Ihr Vater Franz Calvelli-Adorno wurde gleich zu Beginn des Krieges eingezogen, 1940 jedoch als „Halbjude“ entlassen. 1943 entschloss sich die Familie wegen der zunehmenden Bombenangriffe auf Frankfurt in Zwingenberg Schutz zu suchen. Ende 1944 sollte Franz Calvelli-Adorno noch bei der Organisation Todt zwangsverpflichtet werden.

Es gelang ihm, Unterschlupf im Sanatorium „Bühlerhöhe“ im Schwarz­wald zu finden. Auch seine Eltern kamen nach Zwingenberg. Seine Mutter wurde noch im Februar 1945 nach Theresienstadt verschleppt. Ihr Mann Louis Calvelli-Adorno und die Schwiegertochter Helene begleiteten sie zum Frankfurter Ostbahnhof, für beide eine schlimme Erfahrung.

„Am bittersten der Blick, mit dem Deine Mutter, mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken und dem Handkoffer in beiden Händen, mich und Helene ansah“, so Louis Calvelli-Adorno an seinen Sohn. Helene Calvelli-Adorno wurde zwar befreit und kehrte im Juli 1945, zum Gerippe abgemagert, zurück. Sie starb an den Folgen der Strapazen im Dezember 1945.

Erstes Wiedersehen nach acht Jahren Trennung

Nach Kriegsende wurde Franz Calvelli-Adorno zunächst Landgerichtsrat in Darmstadt, später Oberlandesgerichtsrat und Senatspräsident in Frankfurt. Im September 1945 erhielten Elisabeth und Ludwig die Mitteilung, dass die Eltern und die Schwester überlebt hatten. Erst 1947 konnten die Eltern ihre beiden ältesten Kinder wiedersehen. Nach großen Schwierigkeiten gelang es ihnen, Elisabeth und Ludwig in England zu besuchen.

Ein Jahr später sah Elisabeth zum ersten Mal das zerstörte Frankfurt. Danach kam sie immer wieder zu Besuch nach Deutschland. Nicht einfach war der Umgang mit dem jeweils unterschiedlichen Erleben des Krieges. 1955 kehrte Elisabeth Reinhuber endgültig nach 16 Jahren in ihre alte Heimat zurück, wo sie heiratete und drei Kinder bekam. In ihrem Wohnort Oberursel-Oberstedten engagierte sie sich jahrelang in der Kommunalpolitik. In jüngster Zeit geht sie als Zeitzeugin in Schulen. Mit England fühlt sie sich bis heute eng verbunden.