KURZBIOGRAPHIE

Kurt Rosenbaum

  • geb. 1922 in Hainstadt/Odenwald
  • gestorben 2012 in Norwalk/USA

Teilnahme am Besuchsprogramm:

  • Kurt 2009
  • Tochter Lisa Waite und ihre Töchter Maddie und Kensey: 2017

Eltern:

  • Moritz Rosenbaum und Fannie Rosenbaum geb. Neuberger
  • Die Eltern besaßen ein gutgehendes Stoffgeschäft in Hainstadt

Schule:

  • Besuch des Philanthropins in Frankfurt von 1935-1937

Verfolgung und Emigration:

  • Emigration: 1937 als 15-Jähriger allein nach New York
  • Der Vater Moritz Rosenbaum wurde 1938 verhaftet und nach Dachau gebracht.
  • Nach seiner Freilassung floh die Familie über Italien, Portugal bis sie 1942 die USA erreichte.


Quellen:

  • Abschiedsrede von Kensey Waite am 15. Mai 2017 im Frankfurter Römer
  • Erfahrungsbericht von Kurt Rosenbaum nach dem Besuch in Frankfurt
  • Texte von Lisa Waite über Kurt Rosenbaum, vom Vater selbst geschrieben
  • Das ganz gewöhnliche Volksempfinden, Neue Dokumente über Julius Streicher und den „Stürmer“, in: S.100, Der Spiegel, Nr. 22/1978

Fotos:

  • Bernhard Breunig
  • Ingrid Bruch
  • Amalia Dos Santos
  • Rafael Herlich
  • Lisa Waite privat

Recherchen:
Ingrid Bruch und Angelika Rieber

Text:
Ingrid Bruch

Kurt Rosenbaum

Von Hainstadt über Frankfurt nach Brooklyn/N.Y.

von Ingrid Bruch

Kurt Rosenbaum wird 1922 in Hainstadt/Odenwald als Sohn von Moritz Rosenbaum und Fannie Rosenbaum geb. Neuberger geboren. Die Eltern betreiben ein gut gehendes Stoffgeschäft und Kurt wächst zusammen mit seiner kleinen Schwester sehr behütet auf. Das ändert sich 1935, als er aufs Gymnasium kommt und er das Gefühl hat, dass ein Lehrer die Klasse gegen ihn aufhetzt, weil er Jude ist. Von jetzt an fühlt er sich von den anderen Jungen gemobbt und wird verprügelt. Um dem ein Ende zu bereiten, schicken die Eltern Kurt nach Frankfurt, damit er am Philanthropin einen Schulabschluss machen kann.

Nachdem der Vater 1938 in Dachau inhaftiert wird, plant die Familie die Ausreise in die USA. Kurt ist bereits 1937 als 15-Jähriger allein auf direktem Weg zu einer Tante nach New York geschickt worden, wo er vier Jahre lang auf seine Eltern warten muss, bis diesen die Ausreise aus Europa gelingt.

1977 bekommen Kurt und Inge Rosenbaum Besuch von zwei jungen Hainstadtern. Aus dieser Begegnung entsteht eine wunderbare Freundschaft, Kurt wird nach Hainstadt eingeladen und besucht erstmals nach 41 Jahren seine alte Heimat, die er eigentlich nicht mehr wiedersehen wollte. Es folgen weitere Besuche mit Kindern und Freunden, und bis zu seinem Lebensende stehen die Rosenbaums in Kontakt mit Hainstadt.

Kindheit in Hainstadt

Wie die Fotos anschaulich belegen, wächst Kurt sehr umsorgt mit seiner Schwester Ruth und seiner Cousine in Hainstadt auf. Die Eltern haben ein gutes Auskommen mit ihrem Stoffgeschäft mitten in Hainstadt und legen Wert auf eine gute Bildung ihrer Kinder.

Bilder aus Kurts Kindheit.

Kurt geht in die örtliche Grundschule und findet dort viele Freunde, die ihn regelmäßig zuhause besuchen. Er spielt sehr gerne Fußball und die Familie hat gute nachbarliche Beziehungen.

Mobbing auf dem Gymnasium

Alles ändert sich ab 1933, als Kurt täglich mit dem Zug zusammen mit anderen Jungen aus Hainstadt ins Gymnasium nach Buchen-Walldürn fahren muss. Kurt erinnert sich, dass er von einem Lehrer vor der Klasse als Jude verhöhnt wird und dass die Klassenkameraden gegen ihn aufgehetzt werden. Kurt wird zunehmend gehänselt und fühlt sich bedroht, und die Quälereien und Demütigungen werden im Lauf von zwei Jahren immer schlimmer.

Als einmal etwa zehn Schüler gemeinsam über ihn herfallen und ihn verprügeln, mag er nicht mehr in die Schule gehen. Er ist traurig, denn unter den Angreifern sind auch Jungen, die bislang seine Freunde gewesen sind und mit ihm Fußball gespielt haben.

Um seinen Kummer zu beenden, beschließen die Eltern schweren Herzens, ihn vier Wochen vor Schuljahresende von der Schule zu nehmen und ihn zum neuen Schuljahr am Philanthropin in Frankfurt anzumelden.

Dort muss Kurt nun ohne die Unterstützung seiner Eltern in einer fremden Familie bei Kost und Logis leben und ist völlig auf sich allein gestellt. Da sich die wirtschaftliche Situation der Eltern verschlechtert hat, weil seit 1933 immer weniger Kunden ins Geschäft kommen, fällt es ihnen schwer, für die Unterbringung zu zahlen, aber ein Schulabschluss für Kurt ist ihnen wichtig.

Auch als Kurt in Frankfurt wohnen muss, pflegen die Eltern weiterhin eine gute Beziehung zu ihren direkten Nachbarn, die ihnen auch während der Novemberpogrome helfen und sie verstecken, um sie vor gewalttätigen Übergriffen zu schützen. 1939 werden diese Nachbarn in den kleinen Nachrichten der nationalsozialistischen Zeitschrift „Der Stürmer“ denunziert: „Die Familie Leonard Breunig in Hainstadt geht fast täglich zu dem Juden M. Rosenbaum.“ Damit werden die Rosenbaums im Ort immer weiter isoliert und das Leben wird unerträglich.

Der Vater kommt nach Dachau

Moritz Rosenbaum, Kurts Vater, ist ein angesehener Geschäftsmann in Hainstadt. Dennoch ist die Familie ebenfalls Opfer während der Novemberpogrome, als Mutter und Schwester körperlich angegriffen werden. Der Vater von Kurt wird während der Pogrome in Hainstadt verhaftet und nach Dachau gebracht. Kurt erzählt im Zeitzeugengespräch, dass sich die Ehefrau eines führenden Nationalsozialisten in Hainstadt jedoch vehement für eine Freilassung seines Vaters einsetzt habe, und dieser schließlich freigelassen worden sei – allerdings mit der Auflage, nicht über die Erlebnisse in Dachau zu sprechen und sofort das Land zu verlassen.

1939 verlässt die Familie Deutschland und kann so ihr Leben retten. Hausrat und Vermögen dürfen sie allerdings nicht mitnehmen. Kurt hat das Glück, schon 1937 als erster direkt über Hamburg in die USA ausreisen zu können. Er ist erst 15 Jahre alt und reist ganz allein zu seiner Tante nach Brooklyn, New York, wohin diese bereits in den zwanziger Jahren emigriert ist. Er wohnt bei ihr und muss vier Jahre warten, bis seine Eltern mit der kleinen Schwester endlich Europa verlassen können. Denn als der Vater aus Dachau zurückkommt, sind die Einreisequoten für die USA erfüllt, und die Eltern können nicht dorthin. Sie müssen quer durch Europa fliehen, über die Schweiz nach Italien und Portugal, um von dort endlich mit dem Schiff 1941 Europa verlassen zu können.

Ein neuer, schwerer Anfang

Während Kurt sehnsüchtig auf seine Eltern wartet, lernt er Englisch und macht einen Highschool Abschluss. Danach dient er in der Armee und ist in China, Burma und Indien stationiert. Erst nach Ende des zweiten Weltkriegs erfährt er vom Ausmaß der Naziverbrechen. Er möchte gerne ein Collegestudium beginnen, aber es fehlt ihm das Geld dazu, denn er muss seine Eltern finanziell unterstützen: Die Eltern tun sich schwer mit der neuen Sprache, und der Kampf um eine neue Existenz ist hart in Brooklyn. Eine Folge davon ist, dass der Vater krank wird und bald stirbt.

Kurt findet Arbeit im Einzelhandel, im Textilbereich und hat ein bescheidenes Einkommen. Er besucht eine Reihe von Intensivkursen, aber seinen Traum vom College kann er nicht verwirklichen. 1956 heiratet er seine aus Essen stammende Frau Inge, geborene Buxbaum, mit der er zwei Kinder bekommt, Mike und Lisa. Nachdem er seine Heimat verloren hat, sind ihm Familie und Freunde das Wichtigste im Leben. Im Alter bedauert er, dass die Nazizeit ihn um eine höhere Schulbildung gebracht hat, und er seinen Traum von einem Studium nicht verwirklichen konnte, da er das Geld dazu in den USA nicht hatte, und so in bescheidenen Verhältnissen leben musste.

Besuch aus Hainstadt/Odenwald

Nachdem Kurt und Inge Rosenbaum aus Deutschland vertrieben worden sind, wollen sie mit Deutschland nichts mehr zu tun haben. 1977 jedoch nehmen zwei junge Hainstadter Weltenbummler, Bernhard und Paul zu ihnen Kontakt auf und besuchen die Rosenbaums in Brooklyn. Beide junge Männer kommen aus der Familie Breunig, der ehemaligen Nachbarfamilie, mit der die Rosenbaums nach der Emigration noch weiter in brieflichem Kontakt standen.

Bei den Gesprächen über die Vergangenheit entsteht eine freundschaftliche Beziehung und die Geschichte einer Wiederannäherung beginnt. Kurt kann offen und ohne Verbitterung über die NS-Zeit sprechen und so eine gute Beziehung zu den jungen Leuten herstellen. Kurt und Inge werden von den beiden eingeladen, und zwei Jahre später besuchen sie zum ersten Mal nach 41 Jahren Deutschland. Der Besuch wird ein Erfolg, Kurt trifft alte Freunde, auch ehemalige Fußballfreunde, zeigt Interesse für die Vereine und Heimatfeste. 1987 sind er und Inge sogar zur Hochzeit von Bernhard Breunig eingeladen. Inge und Kurt laden Hainstadter immer wieder nach Brooklyn und später nach Norwalk ein, und so entsteht ein reger Austausch.

Kurt und Inge besuchen Hainstadt regelmäßig mit Familie oder Freunden, und man feiert Feste zusammen, zuletzt noch im Alter von 87. Durch Telefon und Emails sowie durch den Bezug des jährlich erscheinenden Heimatblattes bleiben die Rosenbaums über das Leben in Hainstadt informiert, bis Kurt im Alter von 89 Jahren stirbt.

2014 erscheint in den Heimatblättern ein Nachruf von Bernhard Breunig mit dem Titel „Kurt Rosenbaum, ein Amerikaner mit Hainstadter Wurzeln“, der sein Leben würdigt und viel Sympathie ausdrückt. „Er war ein großartiger Mensch, der die Beziehungen zu Hainstadt und insbesondere zur jüngeren Generation intensiv gepflegt hat.“

Zeitzeuge an der Ernst-Reuter-Schule in Frankfurt

2009 nehmen Kurt und Inge Rosenbaum am Besuchsprogramm der Stadt Frankfurt teil und machen sich auf die Spurensuche in Frankfurt. Beide besuchen als Zeitzeugen die Oberstufe der Ernst-Reuter-Schule und Kurt kann die Schüler und Schülerinnen durch seine positive und optimistische Ausstrahlung begeistern. Die offene und herzliche Art von Inge und Kurt sorgt für ungezwungene Gespräche und beide treffen sich über den Unterrichtbesuch hinaus noch mit besonders interessierten Schülern zu einem Ausflug am Main.

Kurt Rosenbaum schreibt in seinem Erfahrungsbericht 2009, dass der Höhepunkt des Besuchsprograms der Schulbesuch war: Thank you to all our new friends, Amalia dos Santos and all the students we met at the Ernst-Reuter school. It was a pleasure to meet and speak of my experiences to all of you. My granddaughter pointed out to me that you are the last generation that will be able to meet with and talk to holocaust survivors so that you have an important role to play. It is one thing to read about history in a book and another to be able to learn some of the details first hand from those who were there.

Lisa Waite besucht mit ihren Töchtern, Maddie und Kensey Frankfurt

2017 nimmt Lisa Waite, die Tochter der Rosenbaums, zusammen mit ihren Töchtern die Einladung der Stadt Frankfurt an. Lisa spricht Deutsch, da sie eine Zeit lang in Deutschland studiert und gearbeitet hat. Nur wenige Wochen zuvor hat sie genau wie ihre Töchter Maddie und Kensey Waite neben der amerikanischen die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. In Frankfurt ist Lisa zum ersten Mal und zusammen mit den Töchtern macht sie sich auf Spurensuche. Neben dem Besuchsprogramm werden sie von ihren Freunden aus Hainstadt am Wochenende zu einem Besuch nach Dachau begleitet.

Wie Kurt und Inge Rosenbaum zuvor, besuchen alle drei gemeinsam als Zeitzeuginnen eine 12. Klasse der Ernst-Reuter- Schule in Frankfurt und sprechen aus der Perspektive der zweiten und dritten Generation über die Vertreibung der Eltern, bzw. Großeltern aus Deutschland und welche Auswirkungen es auf ihr Leben hat. Die beteiligten Schüler und Schülerinnen zeigen großes Interesse an der Lebensgeschichte von Kurt Rosenbaum und deren Auswirkungen auf die Tochter und die beiden Enkelinnen.

Kensey Waite ist 18 Jahre und Studentin an der Universität Tempa in Florida. Zum Abschluss des Besuchsprogramms hält sie am 15. Mai 2017 eine bewegende Dankesrede im Römer (Tonaufnahme).

In dieser Rede wird deutlich, dass das Besuchsprogram mit Spurensuche auch für Kinder und Enkelinnen eine große emotionale Bedeutung hat. Insbesondere die Gespräche mit Jugendlichen in den Schulen bringen dies zum Ausdruck.