Bertha Röder

„Behaltet mich in gutem Gedenken“

von Angelika Rieber

Im Vordertaunus lebten viele Familien in sogenannter „Mischehe“. Teilweise arbeiteten sie in Frankfurt, einige waren von Frankfurt aus in die Kleinstädte am Taunusrand gezogen. Die Mehrzahl der jüdischen Partner war konvertiert. Die Schicksale dieser Familien sind sehr unterschiedlich und hängen von vielen Faktoren ab. Wer beispielsweise im öffentlichen Dienst tätig war, verspürte die antisemitischen Diskriminierungsmaßnahmen meist sofort nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten.

Während die Männer jüdischer Herkunft, die während des Novemberpogroms verhaftet worden waren, überwiegend aus Deutschland flüchteten, blieben die Frauen meist bei ihren Familien. Von den Deportationen in die Vernichtungslager 1941/42 blieben diese „Mischehepartner“ zunächst ausgenommen. Der Gau Frankfurt jedoch bereitete im Gegensatz zu anderen Regionen in Deutschland eine gezielte Verhaftungswelle von jüdischen „Mischehepartnern“ vor. Im Mai 1943 erhielten die Betroffenen, so auch Bertha Röder, eine Vorladung durch die Gestapo. Ihnen wurden diverse Verfehlungen unterstellt, die den Behörden den formalen Anlass für diese Verhaftungen gaben.

Stillschweigend sei sie gegangen

Bertha Röder stammte aus einer jüdischen Familie und wurde 1888 in Lichtenau in Baden geboren. 1917 heiratete die Haushälterin den Schlosser Johann Jakob Röder und lebte seither in der Siemensstraße in Oberursel. Vier Kinder hatte das Ehepaar. 1933, nur wenige Monate nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten starb Bertha Röders Mann.

Am 20.05.43 erhielt Bertha Röder eine Vorladung zur Gestapo in Frankfurt, wonach sie sich vier Tage später dort melden sollte. Ihr Sohn Richard Röder erinnert sich noch genau daran, dass seine Mutter den Kindern tagelang nichts von dem Schreiben der Gestapo gesagt hat. Schließlich informierte sie ihre Kinder und bat sie, niemandem etwas zu erzählen, berichtet der jüngere Bruder Ernst. Stillschweigend sei sie gegangen. Richard Röder begleitete seine Mutter nach Frankfurt, allerdings zunächst ohne Gepäck, da die Familienmitglieder die Hoffnung hatten, dass Bertha Röder nach dem Verhör wieder nach Hause zurückkehren könnte.

Die Oberurselerin wurde jedoch inhaftiert und in das Untersuchungsgefängnis in der Klapperfeldstraße in Frankfurt gebracht, später dann in die Gutleutstraße. Jeden Montag durften die Kinder frische Wäsche bringen, konnten die Mutter jedoch nicht sprechen. Nur ein einziges Mal hatte Richard Röder Gelegenheit, sie kurz zu sehen. Beim Herausgehen aus dem Gefängnis hörte er plötzlich, wie jemand seinen Namen rief, und er konnte seine Mutter kurz am Fenster erblicken. Es war das letzte Mal, dass er sie sah.

Drei Monate brachte Bertha Röder im Gefängnis in Frankfurt zu, bis sie im September 1943 mit einem Sondertransport nach Auschwitz deportiert wurde. Den Abschiedsbrief zitierte ihr Sohn aus dem Gedächtnis: „Wir kommen nach Auschwitz. So Gott will, komme ich wieder. Wenn nicht, behaltet mich in gutem Gedenken“.
Bertha Röder kam nicht wieder zurück. Nachdem die Kinder monatelang nichts gehört hatten, erhielten sie 1944 ein Schreiben der Lagerkommandantur, das sie über den Tod der Mutter informierte.

„Ihre Mutter, Bertha Sara Röder, geb. Cahn, geb. am 16.10.1888, ist am 19.10.1943 an den Folgen von allgemeiner Körperschwäche im hiesigen Krankenhaus gestorben.
Die Leiche wurde im staatlichen Krematorium eingeäschert. Die Sterbeurkunden sind anliegend beigefügt.
Der Lagerkommandant.“

„Meine Mutter hat es gewusst. Sie hat sich für uns geopfert.“ So empfand es Ernst Röder. Die Trauer über den sinnlosen Tod saß tief. Fotos erinnerten die Brüder an die Mutter und an ihr Schicksal und hielten sie „in gutem Gedenken“.
Meta Schnitzlein wurde zwei Monate später, am 15.11.1943, nach Auschwitz gebracht, wo sie nach Angaben der Lagerleitung am 20.12.1943 an „Lungenentzündung“ verstarb.

Aus dem Militärdienst entlassen

Auch die Kinder, „Mischlinge 1. Grades“, waren Diskriminierungen und Zwangsarbeit ausgesetzt. Zunächst wurden die jungen „Halbjuden“ noch 1940 zum Militärdienst eingezogen, konnten aber nach dem Wehrgesetz von 1935 keine Vorgesetzten, beispielsweise Unteroffiziere mehr werden.

Nach wenigen Wochen war der Militäreinsatz von Ernst Röder und anderen „Halbjuden“ jedoch beendet. Er wurde aus dem Militärdienst entlassen. Ernst Röders Bruder Max blieb noch bis 1941 in der Wehrmacht und nahm sogar am Russlandfeldzug teil, bis auch er „unehrenhaft“ aus der Armee entlassen wurde. Auf der einen Seite fühlten sich die jungen Männer gekränkt, im Rückblick waren sie froh, denn diese Tatsache hat ihnen vermutlich das Leben gerettet.

Eine weitere Verschärfung der Situation trat ein, als die „Halbjuden“, sofern sie nicht in kriegswichtigen Betrieben beschäftigt waren oder körperliche Arbeit leisteten, ab 1943 zur Zwangsarbeit eingezogen wurden. Ernst Röder wurde 1943 nach Merseburg geschickt, wo er zusammen mit Zwangsarbeitern aus verschiedenen Ländern schwerste Arbeit leisten musste.
Nach einer Hausdurchsuchung wurde Hartwig Schnitzlein 1943 nach Buchenwald gebracht.

Im Februar 1945 erhielten die übrigen „Mischlinge“, so auch Richard Röder, die Aufforderung „zum geschlossenen Arbeitseinsatz in Theresienstadt“. Ohne genau zu wissen, was dies bedeuten könnte, waren die Familien voller Sorge und Angst. Neben Gerüchten über das, was in den Lagern vor sich ging, wussten sie, dass jüdische Verwandte in Konzentrationslager deportiert worden und nicht zurückgekehrt oder „verstorben“ waren. Die Familien waren einer schweren Zerreißprobe ausgesetzt. Sollten die Jugendlichen hingehen oder nicht? Die Geschwister Röder entschlossen sich unterzutauchen. Unterstützt wurden sie dabei von christlichen Freunden aus dem Reichsverband nichtarischer Christen.

„Das war eine kalte Dusche für mich“

Nach der Befreiung lebten die Geschwister noch eine Weile in Oberursel, zogen es dann aber vor, die Taunusstadt zu verlassen. Zu sehr belastete sie die „Persilschein-Kultur“, mit der sich frühere Nazis mithilfe von entlastenden Bescheinigungen der Verfolgten reinzuwaschen versuchten. Ernst Röder wollte damals Deutschland verlassen. „Aber ich habe nicht den Mut dazu gehabt.“ An ihren neuen Wohnorten erzählten sie nichts über ihre Herkunft, weil sie Angst vor Nachteilen oder befremdlichen Reaktionen ihrer Umgebung hatten. Erst als Erwachsener erfuhr Günther Röder vom Schicksal seiner Großmutter. Dies hat ihn damals sehr erschüttert. Seine ganze Welt, mit der er aufgewachsen war, brach zusammen. Heute interessiert er sich für die jüdische Geschichte und engagiert sich für die Realisierung des Opferdenkmals in Oberursel.

Kurzbiographie

Name:
Bertha Röder, geborene Kahn

Geboren:
1888 in Lichtenau/Baden

Verheiratet:
Mit Johann Jakob Röder, alt-katholisch

Wohnort:
Oberursel

  • 20.05.1943 Vorladung zur Gestapo
  • Gefängnishaft (Klapperfeldstraße und Gutleutstraße) und Deportation mit einem Sondertransport nach Auschwitz
  • Todestag in Auschwitz: 19.10.1943

Kinder:

  • Richard (1917), Max (1919), Ernst (1920) und Alice (1921), „Mischlinge 1. Grades“

  • 1940/1941 Entlassung von Ernst und Max Röder aus der Armee
  • 1943 Zwangsarbeit von Ernst Röder in Merseburg
  • Februar 1945 Aufforderung „zum Arbeitseinsatz in Theresienstadt“, der die drei Geschwister nicht folgen
  • Ende der 40er Jahre: Wegzug der Brüder aus Oberursel

Quellen:

  • Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden
  • Gespräche mit Ernst, Max und Richard Röder, mit Günther Röder sowie weiteren Zeitzeugen
  • Private Dokumente und Fotos
  • Rieber, A. (2004): Wir bleiben hier. Lebenswege Oberurseler Familien jüdischer Herkunft, Kramer-Verlag: Frankfurt

Abbildungen:

  • Bertha Röder, Quelle: Familie Röder
  • Bertha Röder mit ihren Kindern im Februar 1935, Quelle: Familie Röder
  • Max Röder als Soldat der deutschen Wehrmacht, Quelle: Familie Röder
  • Wehrpass von Ernst Röder, 1940 als „Halbjude“ entlassen, Quelle: Familie Röder

Text und Recherchen:
Angelika Rieber