Die Familien Schwarzschild – Black

 

Familie Schwarzschild – Vertreibung einer alteingesessenen jüdischen Familie

 

Von Till Lieberz-Groß

Robbie Black, Tochter von Franz Lucien Schwarzschild (Frank Black), und Robbies Sohn Zac Bloom begeben sich als Teilnehmer des Besuchsprogramms der Stadt Frankfurt 2016 auf die Spuren ihrer Vorfahren, einer bekannten Frankfurter Geschäfts-Dynastie in der Textilbranche. Viele offene Fragen zum Verbleib der von den Nationalsozialisten vertriebenen Familienmitglieder können im Laufe der intensiven Recherche beantwortet werden, aber manche Fragen und Vermutungen bleiben weiterhin ungeklärt.

Zerstörung einer Jahrhunderte alten Geschäftstradition in der Textilbranche in Frankfurt

„Schwarzschild ist ein Zweig einer alten niederrheinischen 1499 in Frankfurt eingewanderten jüdischen Familie. Der seit 1555 im schwarzen Schild wohnende junge Metzger Liebmann kann als Stammvater der Familie Schwarzschild gelten. Auf seinen 1620 geborenen Enkel Liebmann gehen die späteren Besitzer der Firma Schwarzschild-Ochs zurück, die Brüder Enoch Aron (1805 – 1874) und Jakob Aron (1806 – 1848), die beide Seidenhändler waren.“ (Eva Stille, Vertreibung der Frankfurter Juden aus der Bekleidungswirtschaft, 1999)

Emigration und Neuanfang

Roberta/Robbie Black wird 1953 in den USA geboren. Ihrem Vater, Franz Lucien Schwarzschild / Frank Black, geb. am 19. März 1920 in Frankfurt, war als Achtzehnjährigem noch frühzeitig die Flucht gelungen: Er emigriert 1938 über Paris und Le Havre nach New York/USA und kann sich in San Diego/Kalifornien als Textilfachmann und Seidenhändler eine Zukunft aufbauen.

Franz Lucien/Frank heiratet Betty Rabinowitz, geb. am 2. August 1922 in Pennsylvania, Tochter von Max Rabinowitz (geb. in Palästina) und Sadie Rabinowitz (geb. in Osteuropa). Franz Lucien/Frank Black wird am 29.10.1942 in New York eingebürgert. Das Paar bekommt zwei Kinder: Tochter Robbie (geb. 1953) und Sohn Harold, Jahrgang 1954.

Rudimentäre Ausbildung in Deutschland

Die Zukunft von Franz Schwarzschild war 1938 in Deutschland jäh unterbrochen worden: Franz Lucien besucht die Hermann-Schnapper-Schule, bis 1930 dann die Liebig-Oberrealschule, um anschließend von 1934 bis 1935 auf das Philantropin zu wechseln. Es folgen der Beginn einer Lehre bei der Fa. Rosenthal und der Besuch der Berufsschule, der Besuch einer Stoffweberei-Schule (1936) und die Fortsetzung der Lehre in der väterlichen Firma „Schwarzschild-Ochs“ (1937). Franz wird in die internationalen Geschäftsbeziehungen der väterlichen Firma (Frankfurt – London – Paris) eingeführt. 1937 wird die alteingesessene jüdische Firma „Schwarzschild-Ochs“ aufgelöst.

Familie Schwarzschild in Frankfurt

Die Familie unterhält ein Geschäft in herausragender Lage am Rossmarkt 13 (vormals Rossmarkt 7) und in der Leipziger Straße. Sie wohnt in einem großen Haus Am Leonardsbrunn 7. Die letzte Adresse von Eduard Schwarzschild ist ab Januar 1939 die Liebigstr. 53.

 

Eduard und Blanche Julie Schwarzschild

Franz Luciens Vater Eduard Heinrich David Schwarzschild, Sohn von Max und Berta Schwarzschild, geb. Salin, wird am 23. Mai 1875 in Frankfurt geboren. Seine Frau Blanche Julie, geb. Pohl, wird am 6. September 1885 in Paris geboren.

Eduard verkraftet die massiven Demütigungen durch die Nazis und den Zusammenbruch seiner Firma nicht: Er nimmt sich im Januar 1939 das Leben, laut Familie zusammen mit seinem loyalen Chauffeur, Daschmann/Dachsmann. Eduard ist auf dem Jüdischen Friedhof in der Rat-Beil-Straße in Frankfurt beerdigt. Zu seinem Chauffeur gibt es trotz intensiver Recherchen bis heute keine belastbaren Erkenntnisse.

Eduards Frau Blanche gelingt die Flucht nach Frankreich und 1941 die Emigration von Südfrankreich in die USA.

Die Geschwister von Franz Lucien

Hilda, das älteste Schwarzschild-Kind, Jahrgang 1907, stirbt bereits 1916 an Magenkrebs.Elisabeth Charlotte Lieselotte/Lilo, geb. am 19.2.1912 in Frankfurt (gest. 2000) gelingt wie ihren Brüdern Franz Lucien und Heinz, Jahrgang 1917 (gest. 2002) 1938/39 die Emigration in die USA.

Weniger Glück hat der älteste Schwarzschild-Sohn Max, Jahrgang 1910: Ausgebildet als der Firmenerbe muss Maximilian Martin Eduard Schwarzschild Frankfurt schon in den frühen 1930ern verlassen. Politisch engagiert im verbotenen „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ „flog“ er nach eigener Aussage gegenüber einem Jugendfreund (Gerard Sandersen) auf Betreiben der Nazi-orientierten Belegschaft aus der väterlichen Firma. (Das „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ war ein Mitte-Links-Bündnis, das sich für die Demokratie und gegen rechtsgerichtete Feinde der Demokratie in der Weimarer Republik einsetzte.)

Angesichts einer fehlenden Perspektive in Deutschland wandert Max bereits 1934 nach Frankreich aus, wo er zunächst in dem Lyoner Seiden-Geschäft eines väterlichen Kunden als „Volontär“ arbeitet: Ausländische Staatsbürger durften in Frankreich keine bezahlte Stelle einnehmen. Er beginnt dann mit zwei Freunden in Paris einen Buchhandel, der ihn aber kaum ernähren kann, und lebt entsprechend sehr ärmlich am 4 Square Léon Guillot.

Nach Kriegsbeginn 1939 wird er interniert und laut Akte zum französischen Arbeitsdienst eingezogen. Laut Aussage seiner Mutter arbeitete er im Dienste der britischen Armee. Im Zuge der Evakuierung britischer Soldaten nach der verlorener Schlacht der Alliierten 1940 scheint ihm von Dunkerque (Dünkirchen) aus die Flucht nach England zu gelingen; er kehrt aber bereits 1940 wieder zur Mutter nach Südfrankreich zurück.

Max war unverheiratet. Es ist zu vermuten, dass er sich als ältester Sohn für seine Mutter verantwortlich fühlt, zumal die Mutter zu diesem Zeitpunkt bereits Witwe ist. Seine Mutter Blanche kann am 23. Juli 1941 in die USA emigrieren – ohne ihn. Max bleibt zurück, weil Frankreich ihm laut Aussage seiner Mutter keine Ausreise gewährt. Als Grund dafür werden verschiedene Gründe vermutet: Max sei im wehrpflichtigen Alter gewesen bzw. er habe sich der Résistance angeschlossen.

In einem späteren Brief vom 4. Januar 1949 informiert der Hotelbesitzer des „Hotel Moderne“ in Espalion (Dep. Aveyron/Midi-Pyrénées) Blanche Schwarzschild von der Verhaftung ihres Sohnes Max durch die französische Vichy-Polizei am Morgen des 16. August 1942: Max wird um 7.00 Uhr morgens im Hotel verhaftet und zum Lager Drancy gebracht. Von dort wird er am 11. Februar 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert – Ankunft 13. Februar 1943. Sein offizielles Todesdatum wird auf den 31.12.1945 festgelegt.

Die zweite und dritte Generation

Robbie Black lebt heute in Santa Monica. Sie ist mit einem erfolgreichen Politiker der Democratic Party, Richard Bloom, Jahrgang 1953, verheiratet. Das Paar hat zwei Söhne: Zachary/Zac und Emmett Bloom.

Robbie ist beeindruckt von der Hilfe, die sie bei der Recherche zur Familiengeschichte erhält. Sie fühlt sich wohl in der ehemaligen Schule ihres Vaters, dem heutigen Liebig-Gymnasium – nicht zuletzt wegen der unerwartet lebendigen Diskussion mit den Liebig-Schüler/innen: „I bonded with a few of the students and hope to have them visit me in the States later this year.“

„This week in Frankfurt was an exceptional experience for myself as well as my son … I am hopeful that my younger son will be able to attend the program in the future …”

KURZBIOGRAPHIE

 

  • Roberta/ Robbie Black, geb. am 20. März 1953,
    Santa Monica/Kalifornien, USA
  • und ihr Sohn Zac/Zachary Bloom, New York

Zweite und dritte Generation – Teilnahme am Besuchsprogramm 2016

Robbie ist verheiratet mit Richard Bloom,
geb. am 22.6.1953
zwei Söhne: Zachary und Emmett Bloom

Eltern von Robbie Black

  • Franz Lucien Schwarzschild/Frank Black,
    geb. 19. März 1920 in Frankfurt
  • Betty Schwarzschild, geb. Rabinowitz,
    geb. am 2. August 1922 in Pennsylvania/USA

Großeltern von Robbie Black

  • Eduard Heinrich David Schwarzschild,
    geb. am 23. Mai 1875 in Frankfurt
    gest. im Januar 1939 in Frankfurt
  • Blanche Julie, geb. Pohl,
    geb. am 6. September 1885 in Paris

Geschwister von Franz Lucien Schwarzschild

  • Hilda Schwarzschild,
    geb. am 22. September 1907 in Frankfurt,
    gest. am 11. Februar 1916 in Frankfurt
  • Maximilian Martin Eduard Schwarzschild
    geb. am 10. November 1910
    ermordet im Februar 1943 in Auschwitz
  • Lilo Schwarzschild
    geb. am 19. Februar 1912 in Frankfurt
    gest. am 15. Mai 2000 in den USA
  • Heinz Schwarzschild
    geb. am 11. September 1917 in Frankfurt
    gest. 2002 in den USA

Emigration in die USA

  • Franz Lucien im Jahre 1938
  • Lilo und Heinz 1938/39
  • Blanche Julie 1941

Tod verursacht durch die Nationalsozialisten

  • Vater Eduard Schwarzschild durch Suizid Januar 1939
  • Sohn Max 1943 in Auschwitz


Quellen:

  • Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden
  • Staatsarchiv Darmstadt
  • Bundesarchiv
  • ITS Arolsen
  • Archiv Buchenwald
  • Institut für Stadtgeschichte Frankfurt
  • Script zur Familiengeschichte der Schwarzschilds via Robbie Black
  • Eva Stille, Vertreibung der Frankfurter Juden aus der Bekleidungswirtschaft, Ausstellungskatalog des Historisches Museums Frankfurt „Frankfurt Macht Mode 1933-1945“, Jonas Verlag 1999
  • Friedhofsverwaltung der Jüdischen Gemeinde Frankfurt
  • Robbie Black, Evaluation 2016

Fotos:

  • Familie Schwarzschild/Robbie Black
  • Stephan Peters
  • Sasha Pomerance
  • Till Lieberz-Groß

Recherche und Text:
Till Lieberz-Groß