KURZBIOGRAPHIE

Ernst Sommer, geb. 1885 in Heinebach

  • Beruf: Kaufmann
  • Wohnadressen: Schneidhainerstraße, Taunusstraße 40 III
  • Deportation: 15.9.1942 nach Theresienstadt
  • Todesdatum: 23.1.1943 Auschwitz

Zur Familie siehe auch: Ron Sommers

Ehefrau:
Johanna Sommer, geb. Löwe

  • geb. 1892 in Peckelsheim
  • Todesdatum: 1937 in der Landesheilanstalt Weilmünster

Sohn:
Helmut Sommer

  • geb. 1921 in Frankfurt
  • Emigration nach England 1938, USA 1940
  • Gestorben in den USA

Tochter:
Margot Sommer

  • geb. 1924 in Frankfurt
  • Deportation: Mai 1942 nach Izbica
  • Todesdatum unbekannt


Quellen:

  • HHStAW
  • Institut für Stadtgeschichte Frankfurt
  • Standesamt Marktflecken Weilmünster

Informationen, Dokumente und weitere Fotos:

  • Leslie Mc Cormick und von Walter Sommers
  • Majer Szanckower

Publikationen zur Familie Sommer:

  • „…daß wir nicht erwünscht waren.“ Novemberpogrom 1938 in Frankfurt am Main. Berichte und Dokumente, hrsg. von Gottfried Kößler, Angelika Rieber, Feli Gürsching, Frankfurt 1993
  • Rieber, Angelika, Wir bleiben hier. Lebenswege Oberurseler Familien jüdischer Herkunft, Frankfurt 2004
  • Unsere Wurzeln sind hier in Frankfurt. Begegnungen mit ehemaligen Frankfurterinnen und Frankfurtern jüdischer Herkunft und ihren Kindern, hrsg. von Angelika Rieber, Karben 2013

Text und Recherchen:
Angelika Rieber

Ernst, Johanna, Helmut und Margot Sommer

Das Medaillon

von Angelika Rieber

Ernst Sommer stammte ursprünglich aus Heinebach in Nordhessen. Zusammen mit seinen Brüdern Julius und Salomon kam er Anfang des 20. Jahrhunderts nach Frankfurt. Der Kaufmann war mit der aus Frankfurt stammenden Johanna Löwe verheiratet. Das Ehepaar hatte zwei Kinder. Johanna Löwe starb 1937 in der Landesheilanstalt Weilmünster. Der Sohn Helmut verließ Deutschland im Januar 1939, die Tochter Margot konnte aufgrund des Kriegsbeginns nicht mehr rechtzeitig mit einem Kindertransport nach England fliehen. Sie wurde im Mai 1942 nach Izbica deportiert, ihr Vater Ernst im September 1942 nach Theresienstadt verschleppt.

Die Familie Sommer kam ursprünglich aus Heinebach in Nordhessen. Ernst Sommer wurde dort 1885 geboren. Sein Vater, der Metzger Moses Sommer, dessen Onkel sowie einer seiner Brüder nahmen 1870/71 als Soldaten an dem Krieg gegen Frankreich teil und waren stolz auf ihre Auszeichnungen.

Anfang des 20. Jahrhunderts zogen etliche Kinder von Moses Sommer nach Kassel bzw. nach Frankfurt, darunter auch Ernst Sommer, seine Brüder Julius und Salomon und die Schwester Miriam, genannt Mimi. Ein Foto zeigt die drei Brüder kurz vor dem Ersten Weltkrieg.

Ernst Sommer war in Frankfurt als Kaufmann tätig, zeitweise auch im Geschäft seines Bruders Julius und des Schwagers Alfred Mayer beschäftigt. Den beiden Geschäftsleuten gehörte die Wittwe-Hassan-Kette. Sie besaßen mehr als 34 Filialen in und um Frankfurt. Walter Sommers, Sohn von Julius, erinnert sich sehr lebhaft an Onkel Ernst, dem er gerne zuhörte, wenn er von seinen Erlebnissen während des Ersten Weltkriegs erzählte.

Mit seiner Frau Johanna, geborene Löwe, und den beiden Kindern, dem 1921 geborenen Sohn Helmut und der 1924 geborenen Tochter Margot, lebte Ernst Sommer zunächst in der Schneidhainer Straße, später in der Taunusstraße 40.

Tod in der Landesheilanstalt Weilmünster

Johanna Sommer war krank und wurde am 6. Oktober 1933 in der Landesheilanstalt Weilmünster aufgenommen. Dort starb sie am 14. August 1937. Möglicherweise steht der Tod von Johanna Sommer in unmittelbarem Zusammenhang mit der zunehmenden Vernachlässigung und mangelhaften Verpflegung insbesondere jüdischer Patienten in den Landesheilanstalten.

Die Frankfurterin wurde nicht auf dem Anstaltsfriedhof in Weilmünster bestattet, sondern nach Frankfurt überführt, wo sie auf dem Jüdischen Friedhof in der Eckenheimer Landstraße beerdigt ist.

Der Kriegsbeginn verhinderte Margot Sommers Rettung mit dem Kindertransport

Ernst Sommer war nun Witwer und hatte zwei Kinder zu versorgen. Um seinem Sohn eine angemessene Ausbildung zu ermöglichen, wurde Helmut Anfang 1939 nach England geschickt. Dort musste der Teenager in einer Fabrik arbeiten, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. 1940 gelang es ihm dank der Unterstützung seines Onkels Julius Sommer, von England aus in die USA auszuwandern. Dort lebte er eine Zeit lang bei der Familie seines Onkels in New York.

1939 bemühte sich Ernst Sommer darum, auch die Tochter Margot mit einem Kindertransport in Sicherheit zu bringen. Alles war vorbereitet, die „Umzugsgutlisten“ ausgefüllt. Auffällig sind die willkürlich erscheinenden Streichungen von Gegenständen in den ausgefüllten Formularen.

Ernst Sommer und seine Tochter Margot unterschrieben den „Antrag auf Mitnahme von Umzugsgut“ am 27. August 1939. Martha Wertheimer bestätigte oben auf der ersten Antragsseite mit ihrer Unterschrift, dass Margot Sommer als Teilnehmerin eines von der Jüdischen Wohlfahrtspflege vorbereiteten Kindertransportes angemeldet war. Der Eingang des Antrags wurde von der Jüdischen Gemeinde am 1. September 1939 bestätigt und an die dafür zuständige Oberfinanzdirektion weitergeleitet – am Tag des Überfalls auf Polen. Zwei Tage später, am 3. September 1939, erklärte Großbritannien Deutschland den Krieg. Die geplanten Kindertransporte, die Margot Sommers Leben hätten retten können, waren nun nicht mehr möglich.

Die Familie wird auseinander gerissen

Während die Mitglieder der eng miteinander verbundenen Familien Sommer und Mayer 1933 nicht daran gedacht hatten, das Land zu verlassen, flüchtete Alfred Mayer 1937 nach Holland, wo er versteckt überlebte. Ernst Sommers Bruder Julius wurde im November 1938 verhaftet und nach Buchenwald gebracht. Nach seiner Freilassung wanderte er Anfang 1939 mit seiner Familie in die USA aus.

Ernst Sommer und seine von Geburt an körperbehinderte Schwester Miriam blieben noch in Deutschland und regelten 1939/40 unter schwierigsten Bedingungen die Liquidation der Wittwe-Hassan-Geschäfte. Trotz aller Bemühungen von Verwandten gelang es Ernst Sommer nicht mehr, Deutschland rechtzeitig zu verlassen.

Aus einem Schriftwechsel mit der „Devisenstelle“ geht hervor, dass er inzwischen mittellos war und von der jüdischen Wohlfahrtspflege lebte. Zudem wies er darauf hin, dass er krank und daher nicht arbeitsfähig sei. Seine Schwester Miriam starb im Januar 1941.

Nach Izbica verschleppt

Im selben Jahr mussten Ernst Sommer und seine Tochter Margot ihre Wohnung in der Taunusstraße verlassen und ins Ostend, in den Sandweg 14, ziehen, in ein sogenanntes Judenhaus, in dem antisemitisch Verfolgte vor ihrer Deportation konzentriert wurden.

Nach neuesten Angaben des Bundesarchivs wurde Margot Sommer im Mai 1942 nach Izbica deportiert, einer Kleinstadt im Distrikt Lublin, die als Durchgangsghetto eingerichtet wurde. Von dort gingen verschiedene Transporte in die Vernichtungslager. Datum und Ort des Todes von Margot Sommer sind nicht bekannt.

Vor ihrer Deportation hatte Margot Sommer noch einer Bekannten, Ida Leiser, ein Medaillon mit einer Fotografie ihres Bruders anvertraut. Margot hatte dieses Medaillon immer getragen und ihre Freundin gebeten, den Bruder ausfindig zu machen und es ihm zu geben.

Ernst Sommer wurde am 15. September 1942 nach Theresienstadt verschleppt und später nach Auschwitz. Laut Bundesarchiv starb er dort am 23. Januar 1943. Auch Ernsts Bruder Salomon Sommer und dessen Frau Betty wurden im Mai 1942 nach Izbica deportiert.

An das Ehepaar erinnern zwei Stolpersteine vor dem früheren Wohnhaus in der Schleidenstraße 26, die dort, angeregt von Bewohnern des Hauses, 2010 verlegt wurden. 2013 wurden zwei weitere Stolpersteine für Mitglieder der Familie, für Margot und Ernst Sommer, vor dem Haus in der Taunusstraße verlegt. Nancy Sommers, Ernst Sommers Großnichte und Enkelin von Julius Sommer, sowie ihr Lebensgefährte Joshua Alper nahmen daran teil.

Das Medaillon

Margot kannte Ida Leiser über ihren Onkel Salomon Sommer. Ida Leiser war Angestellte in dessen Metzgerei in der Alten Gasse gewesen. Ida Leiser lebte in sogenannter „Mischehe“. Ihre drei Kinder und sie selbst waren evangelisch getauft. Da sie selbst aus einer jüdischen Familie stammte, musste sie jedoch während des Zweiten Weltkriegs nicht nur den gelben Stern tragen, sondern auch Zwangsarbeit in verschiedenen Firmen in Frankfurt leisten.

Gegen Ende des Krieges, am 18. Februar 1945, wurde sie noch „zum Arbeitseinsatz nach Theresienstadt“ geschickt. Nach der Befreiung kehrte sie nach Frankfurt zurück. Da zwei ihrer Töchter amerikanische Soldaten heirateten und 1947 in die Vereinigten Staaten auswanderten, lebte Ida Leiser zeitweise bei ihren Töchtern in Amerika. Jahrelang versuchte sie Helmut Sommer ausfindig zu machen. 1993 besuchte Idas Tochter Emmi Enxuto auf Einladung der Stadt Frankfurt ihre alte Heimat. Dort erhielt sie das Buch „…dass wir nicht erwünscht waren“, das Mitglieder der Projektgruppe kurz zuvor herausgegeben hatten. In diesem Buch entdeckte sie die Lebensgeschichte von Martha Hirsch, eine der Töchter von Salomon und Betty Sommer, sowie ein Foto des früheren Arbeitgebers ihrer Mutter. Mithilfe von anderen Teilnehmern des Besuchsprogramms gelang es Emmi Enxuto-Leiser Martha Hirsch in New York zu finden, die wiederum den Kontakt zu Helmuts Sommers Witwe herstellte. So konnte Emmi Enxuto das Medaillon 1995, mehr als 50 Jahre später, der Familie übergeben. Heute besitzt Helmuts Tochter Leslie das Erinnerungsstück an ihre Tante Margot, die sie nie kennenlernen konnte.

Weitere Informationen zur Familie Sommer unter Ron Sommers.