KURZBIOGRAPHIE

George (früher Ruben Gabriel) Sakheim
geb. 1923 in Hamburg
Wohnadresse in Frankfurt: Lersnerstraße 40
Schule: Philantropin
Emigration: 1933 von Berlin nach Palästina, 1938 in die USA
Rückkehr nach Deutschland als amerikanischer Soldat
Teilnahme am Besuchsprogramm 2003

Vater:
Dr. Artur Sakheim
geb. 1884 in Libau/Litauen, gest. 1931 in Berlin
Dramaturg und Regisseur am Thalia-Theater in Hamburg und Frankfurter Schauspielhaus (1926 – 1931)

Mutter:
Anuta Sakheim, geb. Plotkin
geb. 1896 in Lodz/Polen – gest. 1939 in Palästina

Ehefrau von George Sakheim:
Ilse Sakheim, geb. Oschinsky
geb. 1925 in Grottkau
Emigration: 1939 mit dem Kindertransport nach England
Rückkehr als Mitarbeiterin der amerikanischen Armee
1948 in die USA

Eltern der Ehefrau:
Berthold Kurt und Sophie Oschinsky, geb. Schleyer
1942 deportiert nach Auschwitz

Kinder von George und Ilse Sakheim:
David (1956) und Ruthie Sakheim (1954)
Teilnahme am Besuchsprogramm: 2016


Quellen:

  • Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt (PJLF): Gespräch mit George und Ilse Sakheim in der Ernst-Reuter-Schule 1 in Frankfurt, 2003
  • PJLF: Gespräch mit David, Ruthie und Serena Sakheim in der Helene-Lange-Schule in Frankfurt, 2016
  • George Sakheim: The Nuremberg Diary, in: The Jerusalem Post, November 20, 2015
  • Lebenserinnerungen von George und Ilse Sakheim
  • Stolpersteine Hamburg: Anuta Sakheim

Fotos:
George und Ilse Sakheim
Angelika Rieber

Weitere Literatur:
2017 ist eine Auswahl aus den Briefen, die Anuta an ihren Sohn George geschrieben hat, veröffentlicht worden: Nachrichten aus dem gelobten Land: Die Briefe der Anuta Sakheim.

Text und Recherchen: Angelika Rieber

George und Ilse Sakheim

„Der Preis der Freiheit ist stetige Wachsamkeit“ (Thomas Jefferson)

von Angelika Rieber

2003 kamen George und Ilse Sakheim auf Einladung der Stadt Frankfurt in ihre frühere Heimat zurück. George, früher Ruben Gabriel Sakheim wurde 1923 in Hamburg geboren. Sein Vater Dr. Arthur Sakheim war dort als Dramaturg und Regisseur am Thalia-Theater tätig. 1926 wechselte er an das Frankfurter Schauspielhaus. 1931 starb der Vater unerwartet. Nach dem Tod ihres Mannes, entschloss sich Anuta Sakheim, mit ihrem Sohn Ruben zu Verwandten in Berlin zu ziehen. Von dort flüchteten sie 1933 nach Palästina. Sie erkrankte schwer und starb 1939 an den Folgen einer Krebserkrankung. Ihren Sohn Ruben schickte sie 1937 zu ihrer Schwägerin in die USA, um ihm dort eine angemessene Schulausbildung zu ermöglichen. In den USA änderte Ruben Sakheim seinen Vornamen in George. Als amerikanischer Soldat kehrte er nach Frankreich und nach Deutschland zurück, wo er beim Nürnberger Prozess als Übersetzer tätig war.

Seine Frau Ilse Sakheim, geborene Oschinsky, stammt aus Grottkau in Schlesien, wo ihre Eltern ein gut gehendes Getreidegeschäft hatten. 1932 zog die Familie nach Leobschütz in Oberschlesien. Ilse erlebte dort die zunehmenden Ausgrenzungen und die Verhaftung ihres Vaters im November 1938. Ihre Eltern schickten sie mit einem Kindertransport nach England und bemühten sich um Visa für die Flucht in die USA, was ihnen jedoch nicht mehr rechtzeitig gelang. Sie wurden deportiert und ermordet. Ilse Oschinsky arbeitete in den Nachkriegsjahren für das amerikanische War Department in Frankfurt. 1948 wanderte sie in die USA aus, wo bereits Verwandte lebten. Dort lernte sie ihren späteren Mann George Sakheim kennen.

George Sakheim: „Ich hatte eine ziemlich glückliche Kindheit in Frankfurt“

1923 erblickte Ruben Gabriel in Hamburg das Licht der Welt. Sein Vater Arthur Sakheim war damals als Dramaturg am Thalia-Theater tätig. Seine Familie stammte aus dem heutigen Litauen und war nach Hamburg gekommen, da die Eltern den beiden Söhnen den Dienst in der Armee des russischen Zaren ersparen wollten.

Arthurs Frau Anuta stammte aus Königsberg. Nach dem frühen Tod ihrer Eltern zog sie zu einer Tante, bei der sie aufwuchs. Später ging sie nach Hamburg, arbeitete dort bei einer Bank und lernte ihren späteren Mann Arthur Sakheim kennen. 1926, der kleine Ruben war gerade 3 Jahre alt, erhielt Arthur Sakheim ein Angebot aus Frankfurt und wechselte in die Main-Metropole. Dort musste er ernüchternde Erfahrungen mit der erstarkenden und lautstark agierenden nationalsozialistischen Bewegung machen. Er war in das Visier der Nationalsozialisten gekommen, weil er aus deren Sicht „undeutsche“ Stücke, beispielsweise von Bert Brecht, aufführte. George Sakheim erinnert sich daran, dass sein Vater ihn öfters mit ins Theater mitgenommen hatte. Eines Tages kam Arthur Sakheim sehr aufgeregt nach Hause: Eine Aufführung von Bert Brechts Dreigroschenoper war von Nationalsozialisten massiv gestört und die Schauspieler mit Eiern und Tomaten beworfen worden. Schließlich entließ der Intendant des Schauspielhauses im Sommer 1931 Arthur Sakheim – anderthalb Jahre später erfuhr er dasselbe Schicksal, als er von den Nationalsozialisten wegen seiner jüdischen Herkunft entlassen wurde.

Die Sakheims wohnten in der Lersnerstraße im Frankfurter Nordend. Ruben besuchte das nahe gelegene Philantropin, die liberale jüdische Schule. „Ich hatte eine ziemlich glückliche Kindheit in Frankfurt“, erinnert sich George Sakheim – bis zum Jahr 1931. Nach seiner Entlassung erkrankte sein Vater während des Sommerurlaubs in Hiddensee/Rügen plötzlich und unerwartet an einer Blinddarmentzündung. Er starb am 23. August 1931 in der Charité in Berlin.

Anuta Sakheim war im Alter von 35 Jahren Witwe geworden und hatte einen 8jährigen Sohn zu ernähren. So entschloss sie sich, nach Berlin umzuziehen, wo Verwandte lebten. Dort arbeitete sie beim Ullstein-Verlag. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten erlebte Ruben dort hautnah. Er erinnert sich an Straßenkämpfe und an Polizisten, die dem Treiben untätig zuschauten. Einige Male wurde er auf dem Schulweg von Hitlerjungen verprügelt. Anuta Sakheim, gerade selbst entlassen, ängstigte sich um ihren Sohn. „Wir bleiben nicht mehr hier“, sagte sie. Überstürzt packte sie Koffer, schlug die Bedenken ihrer Schwägerin in den Wind, ließ alles zurück und löste zwei Tickets nach Italien. Dort wohnten die beiden in Meran, bis sie ein Visum zur Einreise nach Palästina erhielten. Nein, seine Mutter sei keine ängstliche Person gewesen, aber sie habe ihrem Instinkt vertraut und damit das eigene Leben und das ihres Sohnes gerettet. So beurteilt George Sakheim die Entscheidung seiner Mutter.

Ilse Sakheim: „Meine Eltern haben immer auf die nächste Wahl gehofft“

Während Ruben Sakheim gleich nach Beginn der Herrschaft der Nationalsozialisten Deutschland mit seiner Mutter verließ, lebte Ilse Oschinsky noch bis 1939 bei ihren Eltern. Sie war 1925 in Grottkau in Schlesien geboren.

Anfang der 30er Jahre zog die Familie nach Leobschütz. Dort machte der Vater ein gutgehendes Seifengeschaft auf. Lebhaft erinnert sich Ilse an den Aprilboykott 1933.Bewaffnete SA-Männer hatten sich vor dem Geschäft postiert und hinderten die Kundschaft am Betreten. Durch einen Seiteneingang schlichen sich die Oschinskys in ihr eigenes Geschäft. Verängstigt saßen die Mitglieder der Familie in dem Laden, fühlten sich verunsichert und wehrlos. Zwar kamen die SA-Leute in den nächsten Tagen nicht wieder, aber auch nicht die Kundschaft, kommentiert Ilse trocken. Der Vater gab die Hoffnung nicht auf. „Meine Eltern haben immer auf die nächste Wahl gehofft.“ Die Geschäfte liefen jedoch immer schlechter. Die Eltern mussten die beiden Verkäuferinnen entlassen, später den Laden aufgeben. Per Rad versuchte Berthold Oschinsky als Hausierer seine Waren feilzubieten. Ilses Mutter erlebte diese Situation als eine sehr erniedrigende Erfahrung. „Aber meinem Vater hat es nichts ausgemacht.“

Ilse Oschinsky erlebte die zunehmende Ausgrenzung sehr deutlich. Wenn sie zum Einkaufen geschickt wurde, musste sie beispielsweise warten, bis alle anderen Kunden bedient waren. Freundschaften gingen in die Brüche. Ihre Freundin Ursula durfte sie nicht mehr besuchen. Ursulas Vater hatte Angst um seine Stellung als Oberlehrer. Die beiden Mädchen trafen sich dennoch, begleiteten sich gegenseitig nach Hause, bis auch dies unterbunden wurde. So ist die Freundschaft langsam eingeschlafen. In der Schule wollte niemand mehr neben dem jüdischen Mädchen sitzen, bis auf Thea, die Tochter des Gauleiters! Ilse kann sich an viele erniedrigende Szenen erinnern. Da sie das einzige jüdische Kind in der Klasse war, fühlte sie sich sehr einsam. Um nicht ganz alleine zu sein, befreundete sie sich mit anderen jüdischen Kindern, auch wenn es Altersunterschiede gab. „Der Kreis wurde immer enger“, spürte Ilse. Man durfte nicht mehr ins Kino, nicht mehr Schwimmen oder Eislaufen gehen, nicht auf Parkbänken sitzen oder von christlichen Ärzten behandelt werden.

Einschneidend waren die Erfahrungen, die sie während des Novemberpogroms machte. Ilse ging in die Schule und wurde gleich wieder nach Hause geschickt. Die Synagoge brannte und sie hörte, dass die Juden aus Leobschütz beschuldigt wurden, sie selbst angezündet zu haben. Ilses Vater wurde verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Von dort wurde er im Februar 1939 wieder entlassen. Seine Rückkehr aus dem Lager hat Ilse noch in lebhafter Erinnerung. Jemand schellte an der Türe. Das Mädchen öffnete „und da stand ein fremder, ein ganz dünner und furchtbar aussehender Mann“ – ihr Vater, körperlich und seelisch gezeichnet.

Fieberhaft suchten die Eltern nun Möglichkeiten, Deutschland zu verlassen. So entschlossen sie sich, zunächst ihr Kind in Sicherheit zu bringen. Mit einem Kindertransport konnte Ilse Oschinsky im April 1939 über Holland nach England entkommen. Ihre Eltern sah sie nicht wieder. Sie wurden 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Vor dem Abschied setzte sich der Vater mit der damals 13jährigen zusammen, berichtete ihr von seinen traumatischen Erfahrungen in Buchenwald und gab ihr einen Auftrag mit auf den Weg: „Wenn du nach England kommst, ist es deine Aufgabe, den Leuten zu erzählen, was hier in Deutschland passiert.“ Ilse musste die ernüchternde Erfahrung machen, dass ihr anfangs niemand glaubte. Das könne doch nicht wahr sein, war die Reaktion. Als Ilse immer wieder betonte, dass ihre Schilderungen über die Situation in Deutschland den Tatsachen entsprachen, boten Bekannte an, eine Freundin und einen Cousin, nach England zu holen. Allerdings ließen deren Eltern dies nicht zu. Sie wurden Opfer des Holocaust.

George Sakheim: „Meine Mutter war die erste weibliche Taxifahrerin in Palästina“

In Palästina wartete ein hartes Leben auf Ruben und Anuta Sakheim. Anfangs beherrschte Anuta weder Englisch noch Hebräisch und fand keine Arbeit. So entschloss sie sich, eine Lizenz zum Taxifahren zu erwerben. Nach einigen Schwierigkeiten gelang ihr dies auch. Sie wurde die erste weibliche Taxifahrerin in Palästina, gleichzeitig Touristenführerin. Doch die zunehmenden Unruhen in dem Land ließen den Touristenstrom versiegen. Anuta verbrachte mehr Zeit mit Warten auf Kunden, als Touristen zu den historischen Stätten zu führen. Um den Lebensunterhalt für sich und ihren Sohn zu sichern, strickte sie nebenher Kleidung. Da sie viel unterwegs war, brachte sie ihren Sohn bei einer anderen aus Frankfurt stammenden Familie unter. Für Ruben war die Zeit in Palästina einerseits eine traurige Zeit, meist getrennt von seiner Mutter, andererseits auch aufregend. Seine Erzählungen über diese Zeit handeln öfters von Eseln. So fütterte er ein Eselbaby mit Milch oder ritt er mit einem Esel in die Schule. Ebenso berichtete er von Schulstreichen, bei denen Esel ebenfalls eine große Rolle spielten.

Anuta war den Belastungen dieses Lebens nicht gewachsen. Sie wurde schwer krank, bekam Krebs. So entschloss sie sich 1937, den Sohn zu ihrer Schwägerin nach New York zu schicken, die dort als Ärztin arbeitete. In den USA sollte Ruben eine angemessene Schulbildung erhalten. Anuta Sakheim kannte zwar einen Arzt, der sie umsonst operiert hätte, aber sie konnte sich den Krankenhausaufenthalt und den damit verbundenen Verdienstausfall nicht leisten. Ruben hielt mit seiner Mutter engen Briefkontakt. Sie schrieb ihm über die sich verschlechternde politische Situation, über ihre schwierige finanzielle Situation, die fürchterliche Hitze und über ihre Einsamkeit. Eines Tages kam einer von Rubens Briefen an sie zurück mit der Aufschrift: „Deceased“, verstorben. Seine Mutter hat in ihrer Verzweiflung Suizid begangen. 2017 ist eine Auswahl aus den Briefen, die Anuta an ihren Sohn geschrieben hat, veröffentlicht worden: Nachrichten aus dem gelobten Land: Die Briefe der Anuta Sakheim.

George Sakheim: „Das haben sie verdient“

Ruben lebte bei seiner Tante, die in New York als Ärztin arbeitete, besuchte dort die Schule und änderte seinen Vornamen in George. Gleich nach dem Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 wurde der 18-Jährige eingezogen. Zunächst war er in einem Camp in Arkansas, später wurde er aufgrund seiner Sprachkenntnisse im Camp Ritchie in Maryland für die Befragung von deutschen Kriegsgefangenen ausgebildet. Nach seiner Ausbildung wurde George Sakheim mit seiner Einheit zunächst nach England geschickt. Mit der Landung der amerikanischen Truppen in der Normandie kam er nach Frankreich, Belgien und Holland. 1944 kehrte er als amerikanischer Soldat nach Deutschland zurück. Die Befreiung des KZs Nordhausen war für ihn eine schreckliche Erfahrung. Er war direkt mit dem Leid der Opfer konfrontiert und ebenso mit der Haltung der Deutschen den Alliierten gegenüber. „Als ich damals das erste Mal durch Deutschland fuhr, wir hatten gerade Nordhausen befreit, sah ich all diese Trümmer und die Menschen, die nach Nahrung, Matratzen und ähnlichen Dingen suchten. Da dachte ich, das haben sie verdient. Sie sind selbst an ihrem Unglück schuld.“

George Sakheim wurde Übersetzer beim Nürnberger Prozess und war so direkt mit den Tätern konfrontiert. Angeblich hätten sie nichts gesehen oder gehört und seien völlig unpolitisch gewesen. Keiner sei Nazi gewesen. „Natürlich glaubte ich ihnen nicht. Sie logen eindeutig und wollten die Vergangenheit vertuschen. Sie wollten sogar bemitleidet werden.“ Mit seiner Tätigkeit als Dolmetscher wollte Sakheim einen Beitrag zur Bestrafung der Verantwortlichen leisten. Seine damalige Haltung zeigt sich in einem ironischen Kommentar, den er unter ein Foto der zerstörten Stadt gesetzt hatte: „Hitler hatte gesagt: ‚Gebt mir vier Jahre Zeit und ihr werdet Deutschland nicht wieder erkennen.‘ So hat Deutschland nach fünf Jahren Krieg ausgesehen“. Sakheim arbeitete in dem Büro Jackson, zusammen mit 30 anderen Dolmetschern. In besonderer Erinnerung ist dem früheren Frankfurter die Vernehmung von Rudolf Höss, dem Kommandanten in Auschwitz, geblieben: „Es war grausam, schrecklich, unvergesslich.“

Ilse Sakheim: „Sie haben uns unsere Jugend gestohlen“

Am 18. April 1939 nahm Ilse Abschied von ihren Eltern und kam mit einem Kindertransport über Holland nach England. Zunächst lebte sie in Birmingham bei einem Ehepaar, Henry und Rebecca Abraham. Als der Krieg begann, wurde Ilse wieder aus einem ihr vertraut gewordenen Umfeld herausgerissen. Die ganze Schule wurde evakuiert und in Gloustershire untergebracht. An diese Zeit auf dem Land hat Ilse besonders gute Erinnerungen, denn die Lehrer bemühten sich auf besondere Weise um die Emigrantenkinder. Später kehrten sie nach Birmingham zurück, wo Ilse zusammen mit 30 anderen Jugendlichen in einem Heim für Flüchtlingskinder untergebracht wurde. Allerdings hatte das Komitee, das die Jugendlichen betreute, weniger Interesse an einer guten Schulbildung, sondern wollte, dass die Flüchtlinge so schnell wie möglich selbst Geld verdienten.

So begann Ilse Oschinsky als Bürogehilfin zu arbeiten. Die Tätigkeit gefiel ihr nicht sonderlich, weshalb sie sich weiterbildete und Stenographie und Schreibmaschinenschreiben lernte. Ilse bewarb sich mit Erfolg auf eine Stelle in einer Sozialstation (Social Service Agency). Diese Arbeit gefiel dem Mädchen sehr. Sie konnte weiter in dem Jugendheim leben, das für sie ein Zuhause wurde. Es wurde von einem deutsch-jüdischen Ehepaar aus Danzig geleitet. Dennoch entschloss sie sich im Alter von 19 Jahren auszuziehen, da sie nicht mehr ihr Zimmer mit vier anderen Mädchen teilen wollte.

Während dieser Zeit wurde Birmingham nicht von Bombenangriffen verschont. So sorgte sich Ilse Oschinsky nicht nur um ihre Eltern, sondern auch um ihr eigenes Leben. Direkte Briefkontakte waren während des Krieges nicht mehr möglich. Nur auf Umwegen, durch Bekannte in Belgien und Schweden, erfuhr Ilse von der ausweglosen Situation der Eltern in Deutschland.

Als der Krieg zu Ende ging, war die Erleichterung zunächst groß. Da sie jedoch nichts von ihren Eltern gehört hatte, bewarb sich Ilse bei der amerikanischen Armee für eine Stelle in Deutschland und kam im Januar 1946 nach Offenbach. Einerseits lernte sie in dieser Zeit viele interessante Menschen aus verschiedenen Ländern kennen, andererseits ergaben ihre Recherchen über das Rote Kreuz die traurige Tatsache, dass ihre Eltern 1942 deportiert und ermordet worden waren.

Gegenüber den Deutschen hatte sie zu dieser Zeit sehr negative Gefühle. „Sie haben uns unsere Jugend gestohlen. Sie haben Deutschland ruiniert.“ Immer wieder hatte sie die Frage im Hinterkopf: „Was habt ihr damals gemacht? Was habt ihr gedacht? Habt ihr jemandem geholfen?“ In Offenbach lernte sie auch Menschen kennen, die sich für ihre jüdischen Nachbarn eingesetzt hatten. „Ich habe sehr nette Menschen getroffen, die nicht nur anständig gewesen waren, sondern auch mutig, denn wer Juden geholfen hat, ist ein großes Risiko eingegangen.“ Ihnen gab sie Pakete, die sie von jüdischen Bekannten für sie erhalten hatte.

George und Ilse Sakheim: „Wir haben viel Glück gehabt, aber auch schwer gearbeitet“

Nach zwei Jahre kehrte Ilse Oschinsky nach England zurück und wartete dort auf das Affidavit, die Einreisebewilligung für die USA. Dort lebten Verwandte, ein Onkel und eine Tante, die über Shanghai ausgewandert waren. Im September 1948 war es soweit. Zusammen mit einer Freundin bezog sie eine kleine Wohnung bei New York und arbeitete als Sekretärin.

Ihre Freundin Helga und deren Verlobter Leo Katz stellten ihr George Sakheim vor und die beiden verliebten sich ineinander. George war zu dieser Zeit Student an der Columbia Universität. Nach seiner Rückkehr in die USA war es ihm mithilfe eines Stipendiums möglich zu studieren. Er wurde Psychologe. Auch Ilse gelang es zwanzig Jahre später, ein Studium aufzunehmen und Sozialarbeiterin zu werden. Ihren beiden Kindern Ruth und David erzählten sie, als sie älter wurden, woher die Familie kam und warum sie keine Großeltern oder andere Verwandte hatten.

Auf dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen gab Religion ihrem Leben keinen Sinn mehr. George und Ilse Sakheim schlossen sich der Ethical Humanist Society an und engagierten sich in der Bürgerrechtsbewegung. Ihren Freunden erzählten sie, woher sie kamen und stießen dabei auf viel Mitgefühl und Interesse. Allerdings machten sie auch die Erfahrung, dass viele amerikanische Juden nicht verstehen konnten, dass sie keinen Hass empfanden und auf Einladung zu Besuchen nach Deutschland zurückgekehrt waren.

Ilse und George Sakheim nahmen 2003 an dem Besuchsprogramm der Stadt Frankfurt teil und sprachen dort als Zeitzeugen mit Schülerinnen und Schülern in der Ernst-Reuter-Schule 1. „Wir haben viel Glück gehabt, aber auch schwer gearbeitet“, stellte Ilse Sakheim zusammenfassend fest. 2007 kam das Ehepaar erneut nach Deutschland, begleitet von der Tochter Ruthie.

Als einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen wurde George Sakheim 2015 nach Nürnberg eingeladen, wo an den Beginn der Nürnberger Prozesse 70 Jahre zuvor erinnert wurde. Begleitet wurde er von seiner Frau Ilse, dem Sohn David und der Enkelin Serena. Im selben Jahr ging ein Herzenswunsch von George Sakheim in Erfüllung. Die Briefe seiner Mutter an ihn wurden in einer Lesung im Bunker in Frankfurt vorgestellt, „Nachrichten aus dem gelobten Land – die Briefe der Anuta Sakheim“ werden demnächst auch als Buch erscheinen.

Ein weiteres wichtiges Anliegen hatte das Ehepaar bei seinem Besuch in Frankfurt. Es wollte den Jugendlichen auf dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen ans Herz zu legen, sich aktiv für die Wahrung von Freiheit und Menschenrechten einzusetzen, und zitiere Edmund Burke: „Der Preis der Freiheit ist stetige Wachsamkeit.“