Name:

Susan Sachs-Fleishman, geb. Sachs, geb. am 09.06.44 in Baltimore/ USA, wohnhaft in Baltimore,
eine Tochter: Elana Fleishman

Teilnahme am Besuchsprogramm: 2015,
Schulbesuch

Mutter Susans:
Ruth Alice Rosenfeld, verheiratete Sachs geb. am 22.04.20 in Frankfurt, gestorben am 22.12.91 in Baltimore
Ausbildung: Besuch des Philanthropin in Frankfurt (Abitur)
Freizeit: Ruth schrieb Gedichte

Emigration:
1939 über das United Kingdom (UK) in die USA – von New York nach Baltimore,
fast zeitgleich mit der Schwester Karola/Carol
gefolgt vom Bruder Heinz/Henry mit Frau und zwei Töchtern,
über London in die USA

Vater Susans:
Charles Philipp Sachs geb. am 17.11.02.02 in Berlin
gestorben am 17.01.98 in Baltimore, USA
Emigration:
1939 von Mailand über Panama in die USA

Großeltern Susans:
Cäcilie Rosenfeld, geb. Simon
geb. am 23.12.1875 in Bochum
ermordet in Auschwitz (ohne Todesdatum)
verlor durch die Heirat mit Max (in Fulham/ London) die deutsche Staatsangehörigkeit und wurde staatenlos.

Moses Max Rosenfeld
geb. am 16.11.1880 in Altona/ Hamburg
gestorben am 06.11.42 im Internierungslager Noé/ Frankreich
staatenlos


Quellen:

  • Beyond these shores , hrsg. von Susan Sachs-Fleishman, 1996
  • Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden
  • Institut für Stadtgeschichte Frankfurt
  • Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt (PJLF): Gespräch mit Susan Sachs-Fleishman

Fotos:
Familienbesitz Susan Sachs-Fleishman; Till Lieberz-Groß

Text:
Till Lieberz-Groß

„I needed to hear her voice…“

Susan Sachs-Fleishman

„I needed to hear her voice…“

von Till Lieberz-Groß

Susan Sachs-Fleishman ist die Tochter der Frankfurterin Ruth Alice Rosenfeld.
Susan wurde am 9. Juni 1944 in Baltimore (USA) geboren, wo sie bis heute lebt.

„Verloren im Nichts“

Susans Großmutter Cäcilie, geb. Simons, ermöglichte 1939 ihren beiden Töchtern Ruth und Karola (Carol) Rosenfeld durch Verkauf von Wertsachen die Flucht aus Deutschland. Über Großbritannien, wo sie zunächst durch Vermittlung einer Hilfsorganisation als Hausmädchen arbeiteten, gelang ihnen die Flucht in die USA. Ruth landete in New York; ihre Schwester Carol ließ sich einen Monat später in Baltimore nieder, wohin ihr Ruth einige Monate später folgte. Ruth war 19 Jahre, ihre Schwester Carol 34 Jahre.

Ihrem Bruder Heinz (Henry) gelang 1939 mit seiner Frau Emily zunächst die Flucht nach London, wo auch die beiden ersten ihrer drei Töchter geboren wurden (1940 und 1942); sie wanderten 1946 nach New York/USA aus. Die Eltern konnten trotz aller Bemühungen ihrer Töchter dem Nazi-Gräuel nicht entkommen: Susans Großmutter wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und von dort 1943 nach Auschwitz, wo sie ermordet wurde.

Ruths Vater Max war als Film-Kaufmann im Film-Geschäft seines Bruders tätig. Er floh als Staatenloser bereits 1936 vor dem Nazi-Terror nach Frankreich, wurde aber bereits nach Kriegsbeginn 1939 als „feindlicher Ausländer“ in das Internierungslager Noé/ Frankreich verschleppt und starb dort am 6. November 1942 an Unterernährung.

Der Jude – Ruth Rosenfeld (1938)

Er ging still durch die Straßen
Und sie spotteten seiner, denn
Er war Jude.
Er schritt schweigend weiter.
Auf seinen schmalen Schultern lag
Und aus seinen Augen schrie das Leid.
Das Leid des Juden.

Emigration und Schweigen

Susans Mutter, Ruth Alice Rosenfeld, wurde am 22.04.20 in Frankfurt geboren. Ruth lebte mit ihrer Mutter zuletzt in der Scheffelstraße 24; vor der Flucht des Vaters nach Frankreich 1936 lebte die Familie in der Hansaallee 10.

Ruth Rosenfeld war bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 erst 13 Jahre alt, nach Darstellung ihrer Tochter Susan ein sensibler, introvertierter Teenager, eine gute Schülerin, aber auch voller ungewöhnlich kreativer Ideen. Ruth besuchte das Philanthropin.

Sie schrieb schon sehr früh Gedichte – bald ihre intellektuelle und emotionale Zuflucht, weil ihr als Jüdin nach ihrem Abitur 1939 ein Studium oder eine Ausbildung von den Nazis verwehrt wurde.

Ruths Vater war häufig auf Geschäftsreise; ihre mehr als 15 Jahre älteren Geschwister gingen ihre eigenen Wege. So wurde die Mutter ihre engste Weggefährtin.

Nachdem Ruth noch kurz vor Kriegsbeginn über Großbritannien die Flucht in die USA gelungen war, lernte sie 1941 ihren späteren Mann Karl (Charles) Sachs, geb. am 17.November 1902 in Berlin, kennen. Er arbeitete als Firmenvertreter (sales representative) für Beleuchtungsanlagen in Mailand, von wo ihm 1938 über Panama die Flucht nach New York glückte. 1942 heirateten Ruth und Charles, Ruth war knapp 22 und Charles 39 Jahre alt; sie lebten bis zu ihrem Lebensende in Baltimore und waren fast 50 Jahre verheiratet. Ruth starb im Jahre 1991, Charles 1998.

Nach Angaben ihrer Tochter Susan hat sich ihre Mutter Ruth nie von den erlittenen Traumata erholt. Sie litt sehr darunter, dass sie ihre Mutter nicht retten konnte. Ihre Tochter Susan spricht von „Weltschmerz“ und „survivor’s guilt“, unter der die schwermütig gewordene Mutter litt. Sie schrieb keine Gedichte mehr. Dennoch lebte sie ein erfülltes Familienleben und arbeitete viele Jahre in der Verwaltung der Johns Hopkins University.

Einsamkeit – Ruth Rosenfeld (1937):

Es kriechet langsam in das Herz hinein
Und fasst es an mit grausam kalten Händen.
Und wenn auch tausend Menschen bei dir ständen,
Die mit Dir sprächen, bist Du ganz allein.
Die Luft um Dich starrt unbekanntes Leid.
Es ist so fremd – und doch – so irgendwie vertraut.
Und in dir wird ein Unstillbares laut,
Das lautlos weint in deiner Einsamkeit.

Die 2. Generation

Das Schweigen ihrer Eltern bedrückte Susan Sachs-Fleishman:
Sie hörte zwar schon als junges Mädchen vom Nazi-Terror, in der Familie war die Nazi-Zeit aber kein Gesprächsthema. Vor allem die Mutter erzählte kaum etwas über ihr Leben in Deutschland.

Die Eltern sprachen Deutsch nur als „Geheimsprache“, was Susan allerdings motivierte, die Sprache unbedingt verstehen zu wollen…
Susan wagte aus Rücksicht auf die Traurigkeit ihrer Mutter nicht, Fragen zur Kindheit der Mutter und ihrer Familiengeschichte, insbesondere dem Schicksal deren heißgeliebter Mutter, zu stellen: „The memories broke her heart, she couldn‘t handle those memories“.

Sie fand es nicht fair gegenüber ihrer Mutter „to open the flood gates“. So lernte Susan die Geschichte ihrer Mutter erst mit deren Tod durch ihre Tante Carol kennen, die die Gedichte ihrer Schwester Ruth aufbewahrt hatte und die bereitwillig über das Schicksal der Familie und vom Leben in Frankfurt vor der Flucht erzählte.

Das war eine Erleichterung und eine Offenbarung für Susan: Als Kind hatte sie stets das Gefühl gehabt, ihre oft traurige Mutter nicht mit ihren eigenen Problemen behelligen zu können, immer gut funktionieren zu müssen. Sie fühlte sich fremd in den USA und sorgte sich, nicht amerikanisch genug zu sein; sie war unsicher, ob ihre emigrierten Eltern sich wie „richtige Amerikaner“ verhalten konnten und war deshalb ständig auf der Hut, nur nichts falsch zu machen.

Beim Schulbesuch berichtete sie auf Nachfrage, dass ihre Eltern keine gläubigen Juden waren, sich dem Judentum aber kulturell sehr eng verbunden fühlten und auch Susan fühlt sich dem Judentum „culturally connected“.

Susan hat sich nach einer erfolgreichen Karriere in „Corporate Marketing“ der ehrenamtlichen Aufgabe verschrieben, Vorträge in Schulen über die Nazi-Zeit zu halten und die Gedichte ihrer Mutter bekannt zu machen.

Susan ließ die Gedichte zunächst übersetzen, „um die Stimme ihrer Mutter zu hören, ihr nahe zu sein”. Heute ist sie davon überzeugt, dass die Gedichte ihrer Mutter nicht nur historische Relevanz, sondern auch einen hohen literarischen Wert haben. Bei ihrem Besuch in der Anne-Frank-Schule und der Helene-Lange-Schule in Frankfurt gab sie Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, einige Gedichte vorzutragen, deren bewegende Poesie die Zuhörer tief berührte.

Die Gedichte von Ruth Rosenfeld wurden von Thomas Dorsett übersetzt; es wurden zwei Bücher veröffentlicht:

  • Beyond these Shores, Poems and Diary of a Jewish Girl who Escaped from Nazi Germany, Ruth Rosenfeld, 1934-1940 (hrsg. von Susan Sachs-Fleishman, 1996)
  • Ursula Dreysse (Hrsg): Im Nichts verloren. Den Nazis entkommen. Gedichte und Aufzeichnungen einer jungen jüdischen Frau, 2002

Susan Sachs-Fleishman bei ihrem Vortrag in der Anne-Frank-Schule, Frankfurt, Juni 2015

Susan Sachs-Fleishman, Malka und Yael Laor, Susan Baron-Girgulski (2015)
vor dem Stammbaum der Familie Frank in der Anne-Frank-Schule, Frankfurt